Hamburg

Der junge Pianist mit Hipster-Vollbart, den alle wollen

Verträumt in die Ferne sehen ist ein klassisches Lieblingsmotiv bei Künstler-Porträts, der Klaviervirtuose Daniil Trifonov macht da keine Ausnahme

Verträumt in die Ferne sehen ist ein klassisches Lieblingsmotiv bei Künstler-Porträts, der Klaviervirtuose Daniil Trifonov macht da keine Ausnahme

Foto: DG/Dario Acosta

Volles Programm für Daniil Trifonov: Eine Chopin-CD, eine TV-Doku, und drei Hamburg-Konzerte. Das erste am 22. November.

Hamburg.  Er ist noch keine 30, ­also noch im besten klassischen Pianisten-Grundschulalter. Wenn man Daniil Trifonov, 26, und neuerdings hinter einem Hipster-Vollbart versteckt, spielen hört oder beeindruckender noch: ihn live spielen sieht, kann man diese Tatsache schnell vergessen. Kein Pianist nicht nur seiner Generation bringt eine so deutliche Unbedingtheit in sein Spiel; eine so raffinierte Leichtigkeit in die Schwere der musikalischen Aufgaben; so viel ernsthaftes, erfüllendes Glück des musikalischen Moments, wenn er ihm gelingt. Was, untertreibend ausgedrückt, oft der Fall ist.

Trifonov ist momentan der junge Pianist, den alle hören, den alle für Konzerte buchen, den alle unter Vertrag nehmen wollen. Seine Technik reicht für mindestens drei, sein Ton ist ein Traum, ein Zauber, zupackende Zärtlichkeit in Perfektion. Ein Gefühlsextremist, in ­jedem Takt, in den er sich wirft. Wenn er Fehler macht, dann auf höchstem Niveau.

Mit Anne Sophie Mutter

Rund 100 Konzerte im Jahr spielt er derzeit, er hat deutlich reduziert. Seine Wohnung in New York, wo auch seine Verlobte lebt, ist größtenteils Postfach mit eingelagertem Flügel. Um andere Perspektiven zu erschließen und aus dieser kräfteverschlingenden Star-Routine zu entfliehen, hat der Virtuose damit begonnen, sich hin und wieder resolut aus dem blendend hellen Rampenlicht zu nehmen: Als Kammermusiker und Liedbegleiter übt er sich in Bescheidenheit. In Bälde wirft seine Plattenfirma, das gerade so schön heiße Eisen schmiedend, eine appetitlich geratene Schubert-CD auf den Markt. Trifonov mit der Grande Dame Anne-Sophie Mutter und Schuberts Forellen-Quintett (und, siehe rechts, einem der sonderbarsten Klassik-Coverfotos der letzten Jahre). Für beide kaum mehr als eine feine Fingerübung, verglichen mit dem sonstigen Standard-Pensum ihrer Engagements. ­Ansonsten aber die reine, feine Freude.

Im Sommer war Trifonov einzig bei den Salzburger Festspielen und dem Musikfest Bremen als Premium-Klavierbegleiter des Baritons Matthias Goerne mit einem Liederabend-Programm zu erleben, das düster war und dicht und höchstdramatisch, ein packender Dialog auf Augenhöhe und mit Werken von Berg, Wolf, Schostakowitsch und Schumann über Leben, Leiden und Tod philosophierend. Doch dieser Fachwechsel gelingt ihm nur sehr bedingt – auch „nur“ als Klavierbegleiter spielt Trifonov unüberhörbar eine ­allererste Geige.

Als der eher öffentlichkeitsscheue Russe, wie der vier Jahre ältere Igor ­Levit in Nischni Nowgorod geboren, gerade mal 20 war, gewann er den Tschaikowsky-Wettbewerb, genau der Stoff, aus dem schnell Legenden werden. Spätestens nach seinem Carnegie-Hall-Album ging es senkrecht hinauf mit der Karriere. Schon seine letzte CD – randvoll mit brillantestem Liszt – war ein ganz großer Wurf, gerade ist seine neue CD erschienen. Die allseits beliebten Chopins-Klavierkonzerte vor allem, aber die allein, obwohl sensationell gespielt und mit entschlackter Orchestration verfeinert, wären noch keine Sensation. Unkonventionell und wirklich spannend wird die Doppel-CD durch die Umrahmung der Standard-Werke mit Stücken nicht von, sondern über Chopin, von Schumann, Grieg, Barber und Tschaikowsky (teilweise übrigens in der Harburger Friedrich-Ebert-Halle aufgenommen). Besondere Leckerbissen: Chopins eigene Variationen über Mozarts „Là ci ­darem la mano“ und Frederic Mompous Fingerbrecher-Variationen über das ­A-Dur-Prélude op. 28/7.

Dokufilm auf Arte

Wie Trifonov spielt und wie viel er kann, ist damit ein weiteres Mal ­dokumentiert, doch zur Abrundung dieses Eindrucks ist ein kleiner Dokumentarfilm erschienen, der in wenigen Tagen auf Arte zu sehen sein wird. Als Trifonov im April mit dem Mahler Chamber Orchestra und Mikhail Pletnev als Dirigent die Chopin-Konzerte probte und einspielte, war ein Kamerateam im Konzerthaus Dortmund dabei und fing tolle, kleine Momente ein.

Wie Trifonov, agil und bis zum Zerreißen ­gespannt, vor Probenbeginn schon mal auf den Flügel zustürmt und auch beim Besprechen von Details das Spielen nicht lassen kann, während Pletnev mit dem Temperament einer herunter­gekühlten Echse väterlich lakonisch nur das Nötigste von sich gibt. Wie der Tonmeister versucht, seine diffizile Dolmetscherarbeit zu erklären, bei der er umsetzen muss, was der jeweilige Pianist als Meinung und Deutungsversuch der Musik so von sich gibt. Eine Solo-Stelle müsse klingen „wie Regen, aber mit Sonnenschein“, wünscht sie Trifonov, und das Gesicht des Tonmeisters antwortet Bände. In einer anderen Szene flattern die Hände Trifonovs, als hätten sie ein unzähmbares Eigenleben, vor dem Gesicht des Klavierstimmers herum, als der Pianist ihm davon berichtet, dass ihm zum Glück noch einige Millimeter-Bruchteile der Spieltiefe bei dem Flügel fehlen würden.

Einsam und glücklich

Vor dem Live-Konzert tigert Trifonov durchs Konzerthaus-Treppenhaus und erzählt im Off über den Ausnahmezustand Auftritt: „Oft höre ich mir selbst zu, wenn ich spiele.“ In dieser Spielzeit hat das Hamburger Publikum, parallel zu dem in Frankfurts Alter Oper, gleich dreimal Gelegenheit, Trifonov ebenfalls zuzuhören. Den Auftakt macht ein Solo-Abend mit Programm-Anleihen bei der aktuellen CD, nach einem März-Abend mit Tschaikowskys 1. Klavierkonzert – zuletzt war Trifonov 2016 mit Schumanns a-moll-Konzert in der Laeiszhalle – rundet ein Kammerorchester-Konzert mit der ­Camerata Baltica im Juni das Bild ab, indem es eine andere Facette zeigt, die des Komponisten Trifonov, der für den Geiger Gidon Kremer und sich ein Doppelkonzert geschrieben hat.

Die Sünde der Routine müsse er erst noch begehen, war vor einiger Zeit im „New Yorker“ über Daniil Trifonov zu lesen. Von diesem Sündenfall ist er nach wie vor weltenweit entfernt. In einer Szene der Dokumentation ist Trifonovs Gesicht zu sehen, er wirkt verloren wie der einsamste Mensch der Welt und selig wie der glücklichste.

CDs, TV-Termin und drei Konzerte

Aktuelle CDs: „Chopin Evocations“ (DGG), „Preghiera / Rachmaninow Klavier Trios“ (DGG). Anfang November erscheint ein mit Anne-Sophie Mutter eingespieltes Schubert-Album, u.a. mit dem „Forellen-Quintett“ (DGG).

TV: Arte zeigt um 22.10, 18.20 Uhr, den Mitschnitt des Auftritts mit dem Chopin-Konzert Nr. 2 im Konzerthaus Dortmund. Um 0.20 Uhr läuft die Doku „Ein neuer Chopin – Daniil Trifonov & ­Mikhail Pletnev“ über die Einspielung der aktuellen CD.

Konzerte: Am 22.11. spielt Trifonov Werke von Mompou, Rachmaninow und Chopin im Großen Saal der Laeiszhalle. Am 14.3. debütiert er im Großen Saal der Elbphilharmonie mit dem London Philharmonic (Lt. Vladimir Jurowski) und Tschaikowskys 1. Klavierkonzert. Am 6.6. ist er dort mit der Kremerata Baltica und Gidon Kremer zu hören. Neben Schumann, Mendelssohn und Ives steht auch Trifonovs „Doppelkonzert für Violine, Klavier und Orchester“ auf dem Programm. Restkarten ggf. in der Abendblatt-Geschäftstelle unter ­­ T. 30309898.