Eklat

Randale und rechte Parolen auf der Buchmesse

Demonstranten halten bei einer Lesung und Podiumsdiskussion mit Thüringens AfD-Landes- und Fraktionschef Höcke, Protestplakate hoch

Demonstranten halten bei einer Lesung und Podiumsdiskussion mit Thüringens AfD-Landes- und Fraktionschef Höcke, Protestplakate hoch

Foto: Frank Rumpenhorst / dpa

AfD-Rechtsaußen Björn Höcke kam nach Frankfurt. Gegendemonstranten berichten von Gewalt. Friedenspreisträgerin mahnt.

Frankfurt Am Main.  „Das Gastland der Frankfurter Buchmesse in diesem Jahr: Dunkeldeutschland“, twitterte Fernseh-Satiriker Jan Böhmermann sarkastisch und kommentierte so die selbstbewussten Auftritte rechter Meinungsmacher wie AfD-Rechtsaußen Björn Höcke oder Verleger Götz Kubitschek und Anhängern der völkischen Identitären Bewegung.

Wortgefechte, Rangeleien und ein ratlos wirkender Buchmessendirektor: Die Veranstaltung eines Verlags der Neuen Rechten ist in Frankfurt im Chaos untergegangen. Linksgerichtete Demonstranten stellten sich den Teilnehmern einer Buchpräsentation des Antaios-Verlags, unter ihnen auch Höcke, mit lautstarken Protesten entgegen. Polizisten hatten alle Mühe, beide Seiten voneinander zu trennen.

In der Nacht zum Freitag war ein Gemeinschaftsstand der rechten Zeitschrift „Tumult“ und des rechten Verlags Manuscriptum von Unbekannten leergeräumt worden. Antaios und andere der Neuen Rechten nahestehende Verlage warfen dem Börsenverein vor, ihre Stände nicht genügend vor „linken Aktivisten“ geschützt zu haben. Die Messeplanung hatte den Antaios-Verlag in der Nähe der antirassistischen Amadeu-Antonio-Stiftung platziert. Die machte deutlich, was sie von der Aufforderung zur Diskussion mit Vertretern des Antaios-Verlags hält: „Eine Diskussion ‘auf Augenhöhe’ mit den Neuen Rechten würde bedeuten, dass wir unsere demokratischen Überzeugungen zur Debatte stellen.“ Die Stiftung wolle nicht die Menschenrechte oder die offene Gesellschaft und ihre Errungenschaften zur Disposition stellen.

Polizisten drängten die Demonstranten ab

Am Stand der rechtsgerichteten Wochenzeitung „Junge Freiheit“ ging der Zuhörer einer Lesung auf den Verleger des linken Trikont-Musikverlags zu und verletzte ihn mit der Faust an der Lippe, wie eine Messesprecherin bestätigte. Trikont-Chef Achim Bergmann hatte zuvor im Vorbeigehen die Lesung mit einem Kommentar begleitet. Der Verleger ließ sich im Krankenhaus behandeln und erstattete Strafanzeige.

Zur Eskalation der aufgeheizten Situation kam es dann am Sonnabend beim Antaios-Verlag, wo das Buch „Mit Linken leben“ vorgestellt werden sollte. Etwa 80 Demonstranten hielten dem Verlag auf bunten Plakaten unter anderem entgegen: „Ihr könnt nicht schreiben, ihr könnt nur hetzen“. Mit Sprechchören wie „Nazis raus“ riefen sie gegen die Lesung an. Björn Höckes Anhänger antworteten „Jeder hasst die Antifa“.

In der giftigen Atmosphäre gingen Polizisten zwischen beide Seiten, drängten die Demonstranten ab. Buchmessendirektor Juergen Boos hatte die Präsenz der rechtsgerichteten Verlage zuvor mit einem Plädoyer für Meinungsfreiheit verteidigt. Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels, Organisator der Messe, rief zudem zur „aktiven Auseinandersetzung“ auf. Die Publizistin Jutta Ditfurth erwiderte auf Twitter: „,Meinungsfreiheit’? Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen.“

Die Demonstranten wurden auch aus der Gruppe der etwa 100 Zuhörer der Lesung bedrängt. Plakate wurden zerrissen. Es kam zu heftigen Beschimpfungen. Der Antaios-Verlag twitterte: „Zugegeben, wir hätten für die Vorstellung von ‘Mit Linken leben’ wohl besser eine eigene Halle buchen sollen. Nächstes Mal wissen wir Bescheid.“

Erst mit Schließung der Messe entspannte sich die Situation

Der Frankfurter Stadtverordnete Nico Wehnemann (Die PARTEI) berichtete, von Anhängern der Identitären Bewegung angegriffen worden zu sein. Gegenüber „Spiegel Online“ sprach er von „Prellungen“, die Polizei habe danebengestanden und erst eingegriffen, als er „lautstark um Hilfe rief“. Es sei, so zitiert ihn die „Frankfurter Rundschau“, auf der Buchmesse auch „Sieg Heil“ gebrüllt worden. Später wurde eine weitere Lesung von zwei Autoren der rechtsextremen Identitären Bewegung wegen lautstarker Proteste abgebrochen. Die Demonstranten blieben so laut, dass eine Fortsetzung nicht mehr möglich war. Die Situation entspannte sich erst mit Schließung der Messe.

Die kanadische Autorin Margaret Atwood, die am Sonntag in der Frankfurter Paulskirche den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels entgegennahm, ging in ihrer Rede (siehe Auszüge, S. 15) direkt auf die politische Situation in Deutschland ein: „Diese Gruft hielt man bislang für verschlossen, doch irgendjemand besaß den Schlüssel und hat die verbotene Kammer geöffnet – was für ein Ungeheuer wird daraus geboren? Verzeihen Sie mir dieses schauerliche Szenario, doch an vielen Fronten besteht Anlass zur Sorge.“

Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels hat Atwood für „Humanität, Gerechtigkeitsstreben und Toleranz“ in ihrem umfangreichen Schaffen geehrt. In ihren Romanen und Sachbüchern (wie „Der Report der Magd“) habe Atwood immer wieder politisches Gespür und Hellhörigkeit für gefährliche unterschwellige Entwicklungen und Strömungen gezeigt, begründete der Börsenverein die Vergabe.