Hamburg

Wenders’ Hamburg-Film, 40 Jahre später

Der deutsche Starregisseur wird beim Filmfest morgen mit dem Douglas-Sirk-Preis geehrt. Und „Der amerikanische Freund“ feiert Jubiläum

Hamburg. 40 Jahre ist es nun her, dass Wim Wenders seinen vielschichtigen Film „Der amerikanische Freund“ unter anderem in Hamburg drehte. Ein Stück deutsche Kinogeschichte, seinerzeit ausgezeichnet mit dem Bundesfilmpreis. Ein cineastisches Kraftfeld, gespeist durch das innerlich brodelnde Spiel eines Bruno Ganz und die manisch nach außen tretende Energie eines Dennis Hopper. Im Besonderen ist Wenders’ Werk aber ein Dokument der Stadt. Ein Zelluloid gewordener Ausschnitt Hamburgs Ende der 70er-Jahre.

Für Leinwanderlebnisse wie diese, für legendäre Werke wie „Paris, Texas“ und „Der Himmel über Berlin“, für sein Wirken, das das europäische Autorenkino nachhaltig geprägt hat, wird Wenders diesen Freitag beim Filmfest mit dem Douglas-Sirk-Preis ausgezeichnet.

Wenders’ besondere Verbindung zu Hamburg ist in „Der amerikanische Freund“ deutlich zu spüren. Wer Filmszenen mit aktuellen Aufnahmen vergleicht, der sieht – wie etwa am Fischmarkt –, dass buckelige Pflastersteine glattem Asphalt gewichen sind. Dass die Gebäude nun moderner und höher emporragen. Dass die Autos andere sind. Von der Strandperle aus fällt wiederum ins Auge, wie der hoch technisierte Containerumschlag am gegenüberliegenden Ufer in Waltershof mit all seinen Kränen gewachsen ist.

Wim Wenders selbst blickt mit einer gewissen melancholischen Herzenswärme auf den Dreh in Hamburg vor nunmehr vier Jahrzehnten zurück. „Ich hatte die ganze Gegend am Fischmarkt, auch die kleinen Gassen dahinter, am Pinnasberg, ohnehin ins Herz gefasst, aber die Tatsache, dass diese Häuserzeile gleich am St. Pauli Fischmarkt damals vom Abriss bedroht war, war für mich ein Anlass mehr, dort zu drehen“, erklärt der 72-Jährige dem Abendblatt. Und er führt weiter aus: „Etwas vor dem Verschwinden zu retten, das ist ja eine der großen Fähigkeiten des Kinos. Gott sei Dank ist diese Gegend nun doch nicht nur auf der Leinwand erhalten.“

Wie Wenders gemeinsam mit Kameramann Robby Müller die Topografie St. Paulis in einer sehr prägnanten Farb- und Lichtgestaltung einfängt, trägt maßgeblich zur dichten Atmosphäre von „Der amerikanische Freund“ bei. Und lässt uns heute staunend schauen auf einen einst lichteren, spröderen, auch verwunscheneren Kiez. „Eine Geschichte schafft ein emotionelles Gewebe um ihre Orte herum, und diese Orte sind darin oft besser aufgehoben als in Dokumentarfilmen“, bilanziert Wenders. Der Film als Seelenspeicher.

Grundlage seiner Arbeit war damals der 1974 erschienene Krimibestseller „Ripley’s Game“ von Patricia High­smith. Dennis Hopper, der gerade erst die Dreharbeiten zu „Apocalypse Now“ absolviert hatte und exzessiv Drogen nahm, spielte den zwielichtigen Tom ­Ripley, der den vermeintlich todkranken Rahmenmacher Jonathan Zimmermann (Ganz) für viel Geld zu zwei Auftragsmorden überredet.

Vordergründig eine Kriminal- und Gangstergeschichte, strotzt der Film nur so vor Anspielungen und Metaebenen. Klassische Malerei, etwa die des Niederländers Jan Vermeer, trifft auf popkulturelle Ikonografie der USA, wie sie zum Beispiel in Ripleys Inszenierung als verlorener Cowboy zutage tritt.

„Der amerikanische Freund“ lässt sich aber auch als gesellschaftliches Porträt der Bundesrepublik Ende der 70er lesen. Und die klaustrophobische Stimmung dieser Zeit wird in einer Szene besonders spürbar: als Bruno Ganz wie ein getriebenes Tier durch den Alten Elbtunnel rennt.

Auch Wenders’ neues Werk „Submergence“ ist wieder so eine Geschichte um Leben und Tod. Es erzählt von zwei Liebenden, die sich jeweils auf ihre Art um die Welt sorgen, als Terrorbekämpfer (James McAvoy) und als Umweltforscherin (Alicia Vikander), aber auch genau von dieser Welt und ihren Umständen getrennt werden.

Im Zuge der Deutschlandpremiere, die das Drama am Freitag beim Filmfest feiert, wird Wenders dann auch der Douglas-Sirk-Preis verliehen. „Ich freue mich von ganzem Herzen über diese Auszeichnung. Ich habe den Detlef Sierck noch selbst kennengelernt und auch einmal über meinen Lieblingsfilm von ihm, ,In den Wind geschrieben‘, lange geschrieben“, erklärt Wenders. „Ich werde den Preis auch im Gedenken an Rainer Werner Fassbinder entgegennehmen, der den Detlef Sierck wirklich verehrt hat.“