Hamburg

Faszinierende Kultur-Expedition ins Kraftwerk Bille

Die dritten Hallo Festspiele verzauberten am Wochenende das Fabrikareal in Hammerbrook

Hamburg.  Wenn Gebäude leer stehen, die Scheiben womöglich kaputt sind und die Dächer löchrig, zählen Tauben oftmals zu jenen Lebewesen, die den Ort als erstes neu beleben. Ob die anpassungsfähigen Tiere dann Besetzer oder Pioniere sind, liegt im Auge des Betrachters. Der Künstler Daniel Dominguez Teruel hatte jedenfalls eine äußerst gelungene Idee, als er die Taube zum Symbol für sein Werk "zero decibels" wählte.

Seine Musiktheater-Installation feierte am Wochenende Uraufführung bei den dritten Hamburger Hallo Festspielen, einem Mix aus Ausstellungen, darstellender Kunst, Performance, Konzerten und DJ-Sets. Dominguez Teruels Ziel: Den Austragungsort, das einstige Kraftwerk Bille in Hammerbrook, akustisch erfahrbar zu machen. Und seine Tauben – Schauspieler in Vogelkostümen – gurrten nicht nur. Sie sangen und jodelten sich an, sodass die Weite der hohen Erdgeschosshalle spürbar wurde. Sie fabrizierten dröhnenden Sound, der die niedrige Parkdeck-Atmosphäre im zweiten Stock wuchtig erlebbar machte. Und sie spielten – weitere Treppen aufwärts – in einem Winkel Kontrabass, als wollten sie der Leere zwingend Poesie entgegensetzen. Diese Exkursion durch Raum und Klang, sie funktionierte. Die Sinne öffneten sich für verwitterte Wände, für matte Oberlichter, für die schiere Größe des Kraftwerks, das eine Nutzfläche von 14.000 Quadratmetern umfasst.

Dorothee Halbrock, Initiatorin der Hallo Festspiele, hat den 1899 bis 1901 errichteten Backsteinbau im Hamburger Osten jedenfalls nicht zufällig als Wirkungsstätte gewählt. "Das Viertel wird sich im Zuge der Stadtentwicklung verändern. Wir wollen diesen Prozess be­obachten und beeinflussen", erklärt die Kuratorin. Herzstück ihres Engagements, das unter anderem vom Bezirk unterstützt wird, ist die sogenannte Schaltzentrale, die das ganze Jahr über Anwohner ins Café sowie zu Workshops von Fotografie bis Nähen einlädt.

Die Hallo Festspiele, die an diesem Freitag und Sonnabend fortgesetzt werden, sind sozusagen die publikumswirksame Bespielung zusätzlich zur Basisarbeit. Und für die große Kultursause wird die Anlage entsprechend aufgerüscht: An einem Baugerüst vor der Trafo-Halle, dem Festivalzentrum mit Bar und Sitzmöbeln, baumeln zig Discokugeln. Zur Bille hin entstand ein Mini-Club aus Containern. Im nächsten Jahr möchte das Team dort den Fluss mit Pontons als öffentliche Fläche erschließen. Doch zunächst gilt es, die Hamburger auch am kommenden Wochenende nach Hammerbrook zu locken. Eine spannende Expedition.

Hallo Festspiele + Schaltzentrale Fr 13.10., 13.00, Sa 14.10., 15.00, Bullerdeich 12–14, Tagesticket 10,-; Programm: hallo-festspiele.de

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