Imperial Theater

Welchen Druck haben Männer über 50?

Sündige Meile Reeperbahn? Normaler Sex, findet Jan-Christof
Scheibe, hat mit dem wilden Treiben im Amüsierviertel wenig bis nichts zu tun

Sündige Meile Reeperbahn? Normaler Sex, findet Jan-Christof Scheibe, hat mit dem wilden Treiben im Amüsierviertel wenig bis nichts zu tun

Foto: Michael Rauhe / HA

Musiker und Comedian Jan-Christof Scheibe hat am Sonntag mit „Zu viel Sex ist gar nicht gesund reloaded“ Premiere.

Hamburg.  Auch ein Multitalent wie er muss mal kürzertreten. Auf dem Gang – Bummeln wäre an diesem Nachmittag zu viel gesagt – vom lmperial Theater entlang der Reeperbahn schiebt Jan-Christof Scheibe (54) sein Fahrrad. Fünf Programme hat der Hamburger Musiker, Chorleiter, Comedian und Schauspieler derzeit im Repertoire, mit seinem langlebigsten „Zu viel Sex ist gar nicht gesund“ traf er den Nerv des Publikums.

Doch schon vor dem 20. Jubiläum jenes Werks im September hat Scheibe eifrig an seinem neuen Programm mit 14 neuen Liedern geschrieben: „Zu viel Sex ist gar nicht gesund reloaded“ hat am Sonntag mit Band im Imperial Theater Premiere. Im Gespräch bei Bier und Alsterwasser in St. Paulis bekanntester (Boxer-)Kneipe „Zur Ritze“ gilt die Konzentration den Worten. Über die Bildschirme flimmern diesmal keine Bilder harter Ringschlachten oder etwaiger anderer sportiver Stellungskämpfe.

Herr Scheibe, welche Anregungen konnten Sie auf dem Weg hierher für Ihr Programm finden?

Jan Christof Scheibe: Überhaupt keine.

Warum nicht?

Scheibe: Weil die Reeperbahn nur eine Seite des Sex repräsentiert – nämlich die, wie man damit Geld verdient. Mir geht es darum, die schwierigen Seiten des Sex so zu beleuchten, dass man darüber lachen und eventuell sogar einen Lösungsansatz finden kann.

Woher kamen die Anregungen vor 20 Jahren bei der ersten Version von „Zu viel Sex ist gar nicht gesund“?

Scheibe: Damals habe ich eine zerbrochene Beziehung verarbeitet. Und der Spruch „Zu viel Sex ist gar nicht gesund“ war mein Trost. Es war weniger eine Ratgeber-Show als vielmehr eine Verarbeitung von privaten Waterloos mit dem Versuch, das in Humor umzumünzen. Jetzt, 20 Jahre später, hab ich mich gefragt: Kann ein Mann in meinem Alter, mit Anfang/Mitte 50, zum Thema Sex noch irgendetwas Gehaltvolles sagen?

Und?

Scheibe: Ja, das kann ich, weil ich die Erfahrung habe, darüber reden zu können, aber noch nicht die Demenz, dass ich alles vergessen hätte. Ich bin jetzt genau im richtigen Alter.

Woher kam der neue Anstoß?

Scheibe: Aus der Diskrepanz von Traumwelt und Wirklichkeit. Sex ist ja ein wahnsinnig überstrapaziertes Thema, und es wird einem immer vorgelebt, wie easy, toll und sexy das alles sei. Und wenn man dann auf sein Privatleben guckt, merkt man: Ist gut, aber jetzt nicht überdurchschnittlich.

Inwieweit konnten Ihre Partnerin oder Ex-Partnerinnen Sie für das neue Programm stimulieren?

Scheibe: Es waren Freunde. Oder du liegst am Strand und erblickst das Pärchen neben dir und siehst, wie die funktionieren oder auch nicht beim Bestreben, möglichst sexy zu sein. Sex auszustrahlen auf der einen Seite und auf der anderen Seite das Scheitern daran, das ist ja auch komisch. Es geht mir im Subtext um den Druck eines Mannes, das finde ich die charmantere Art.

Worin liegt denn heutzutage der Druck für einem Mann über 50?

Scheibe: Na ja, es ist schon Performance. Der Druck liegt darin, dass man versucht, die Eier legende Wollmilchsau zu sein als Mann, indem man gleichzeitig Helikopter-Vater, Ernährer, bester Freund und Zuchthengst in der Beziehung ist und das natürlich nicht auf die Reihe kriegt. Wir sehen ja diese meterosexuellen Männer, die wahnsinnig gut aussehen, durchtrainiert sind à la Beckham oder Ronaldo. Und ich will doch intellektuell auch noch etwas bieten und meiner Partnerin bei ihren emanzipatorischen Bestrebungen nicht im Wege stehen. Und dabei kommt dann einfach nur Krampf raus oder zumindest ein Spagat, der so nicht zu leisten ist.

Wie ging bei Ihnen das mit der Sinnlichkeit los?

Scheibe: Spannende Frage (überlegt). Meine Eltern waren FKK-Anhänger, und ich bin schon früh mit der Weiblichkeit in ihrer Üppigkeit konfrontiert worden und hatte daran immer große Freude. Ich finden Frauen an sich ästhetisch und schau mir die wahnsinnig gern an. Ich entdecke auch an verschiedenen Frauen immer etwas, das ich total reizvoll finde.

Motto: Jede Frau kann schön sein?

Scheibe: Das wäre ja furchtbar, dann käme man ja aus dem Gebagger gar nicht heraus. Aber man kann ja jemanden attraktiv finden, ohne weitere Bestrebungen zu haben. Die Frau als ästhetisches Ereignis, das macht mir Spaß. Ich gucke mir lieber Frauen an als Männer. Weil die Frau aufgrund der geschlechterspezifischen erlernten Balzrituale einfach mehr aus sich macht. Wenn man es denn so sieht wie ein Ronaldo, der auch mehr aus sich macht, finde ich das grauenhaft! Wenn ein Mann sich zu sehr stylt, dann habe ich Beklemmungen.

Zu viel Styling ist auch nicht gesund?

Scheibe: Definitiv nicht (lacht)! Und sieht auch nicht aus. Der Mann braucht eine gewisse Lässigkeit.

Und die Quintessenz des Programms?

Scheibe: Die Figur Scheibe macht eine Entwicklung durch. Das bin ja nicht eins zu eins ich, es sind viele Beobachtungen, die ich gemacht habe. Ich sage ganz bewusst, ich habe eine Ehefrau, obwohl ich eigentlich eine Freundin hab. Und ich habe einen Sohn, obwohl ich eine Tochter habe. Es geht um Prinzipien. Das Prinzip: Du triffst dich, spürst eine große Attraktion, zwei Magneten prallen aufeinander, ziehen sich an., saugen sich aus, sexuell und emotional. Und dann fängt so ein Separierungsmechanismus wieder an. Das ist ganz natürlich, man kann ja nicht die nächsten 40 Jahre seine Lebens im Zungenkuss verbringen.

„Zu viel Sex ist gar nicht gesund reloaded“ Premiere So 8.10., 19.00, dann Mo 9. bis Mi 11.10., jew. 20.00, bis 19.2., jew. Mo., 20.00, Imperial Theater (U St. Pauli), Karten zu 20,-: T. 31 31 14; www.imperial-theater.de