Hamburg

Joachim Meyerhoff erschöpft und begeistert sein Publikum

Hamburg. Blut, Schweiß und Tränen. „Das hier heute Abend“, hatte Joachim Meyerhoff gewarnt, „das wird anstrengend. Also, nicht nur für mich.“ Er wird recht behalten. Und dem erschlagenen, aber restlos begeisterten Publikum einen furiosen Abend bescheren.

Das Wiener Burgtheater ist ein ­regelmäßiger Gast beim Hamburger Theaterfestival, in diesem Jahr hat Intendant Nikolaus Besch eine Inszenierung von Jan Bosse nach Kampnagel ­geholt: „Die Welt im Rücken“ von Thomas Melle. Einen Roman, der im Herbst 2016 für den Buchpreis nominiert war und vielleicht auch deshalb nicht ­gewann, weil man diskutierte, ob es sich überhaupt um einen Roman handelte. Die eigene Katastrophe auszustellen, das habe etwas Aufdringliches, heißt es nun auch in der Bühnenversion. Die Katastrophe, das ist die bipolare Störung des Schriftstellers Melle, der dafür die Bezeichnung manisch-depressiv bevorzugt, auch wenn es das „billigere“ Wort sei. Und der vollkommen schonungslos „die massiven Hoch- und Tiefdruck­gebiete“ seiner Psyche ausleuchtet.

Dass auch der Schauspieler Meyerhoff ein fantastischer Schriftsteller ist, dazu einer, der ebenfalls im eigenen Leben die besten Geschichten findet, gibt dem Abend eine hübsche Pointe. Zumal er selbst tatsächlich auf dem Gelände einer Psychiatrischen Anstalt aufwuchs. Auf beinahe unheimlich exzessive Weise macht er sich nun die Person Melle zu eigen. Die blauen Augen flackern, der lange Körper ist in ständiger Unruhe. Ein Getriebener zwischen Gefühlsüberschuss und „Empfindungshektik“.

Meyerhoff, dessen Ansprechpartner das Publikum ist, verglüht geradezu, er stürzt von einem Zustand in den nächsten, ohne den Autor dabei zu verraten. Mal hält er sich für den Lover von Madonna, mal für den Messias persönlich. Das ist komisch und traurig, erschütternd und bisweilen übergriffig. Die erste Reihe bekommt Exklusivbeleidigungen um die Ohren: „Es ist ja, als ob alle jungen Menschen davon abgehalten wurden, Karten zu bekommen!“ Je wahrer der Kern, desto übler die Schmach.

Zum Ende geht der Abend noch einmal richtig in die Vollen, es wird thea­tralisch, mit Goldjacke und Gnarls Bark­leys „Crazy“ – reitet Meyerhoff wirklich ein Riesenhirn, als wäre es der Glücksdrache Fuchur? Das ist von allem entschieden zu viel. Und eben drum: eine echt irre Punktlandung.