Hamburg

Eine Solistin zum Küssen

Gelungener Saisonauftakt der Hamburger Camerata in der Laeiszhalle

Hamburg. Mitten in der Erzählung der Bratsche mischt sich plötzlich eine neue Stimme dazu. Ganz leise zwar, aber doch hörbar. Die Solistin Hiyoli Togawa spielt nicht nur, sie singt jetzt auch. Mit zarten, lang gehaltenen Tönen begleitet sie sich selbst und verströmt so einen meditativen Klang.

Ein berückender Moment – und nicht die erste Überraschung im 2006 entstandenen Violakonzert des Finnen Kalevi Aho, das gleich zu Beginn mit einem Dialog von Bratsche und Pauken aufhorchen lässt und einige effektvolle Stimmungswechsel inszeniert. Dirigent Ralf Gothóni, langjähriger künstlerischer Partner der Hamburger Camerata und finnischer Landsmann von Aho, führt das Orchester souverän durch das maßvoll moderne Stück und hat mit Togawa eine großartige Protagonistin an der Seite. Sie meistert den Solopart traumwandlerisch sicher und füllt die Laeiszhalle mit warmem Klang und starker Bühnenpräsenz, auch in der Zugabe von Henri Vieuxtemps, in der die Bratscherin ihr Instrument diesmal ganz alleine singen lässt. Hach. Ihre Kusshände ins Publikum würde man am liebsten gleich zurückwerfen. Aber das sähe natürlich komplett albern aus. Lassen wir mal.

Der Auftritt von Hiyoli Togawa ist jedenfalls der Höhepunkt eines Programms, das die neue Saison unter dem Motto „Vision Europa“ eröffnet und Werke von vier Komponisten aus drei Nationen vereint. Die Camerata rahmt das Aho-Konzert und Prokofjews „Visions fugitives“ für Streicher mit zwei Sinfonien aus der Zeit der Wiener Klassik.

In Mozarts „Pariser“ Sinfonie demonstrieren Gothóni und das Orchester einen stilsicheren Zugriff, mit hellem, schlanken Klang, wenig Vibrato und leichten Phrasen; nur beim ziemlich flotten Tempo im Finale wirken die Achtelfiguren der Streicher stellenweise etwas vernuschelt.

Frisch und lebendig pulsiert auch die dritte Sinfonie von Franz Schubert, mit ihrem heiteren Grundton und musikantischen Witz. Schuberts Pointen – etwa bei den kecken Holzbläsereinwürfen im ersten Satz – hätte Gothóni allerdings prägnanter setzen und den Klang der Geigen auch noch homogener mixen können. Trotzdem ein insgesamt gelungener Saisonauftakt der Hamburger Camerata, die Mitte November ihr Debüt in der Elbphilharmonie feiern und beim nächsten Laeiszhallen-Auftritt am 18. November ein Familienkonzert mit Prokofjews „Peter und der Wolf“ präsentieren wird.

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