Hamburger Theaterfestival

Das wird man doch wohl mal sagen dürfen

Professor Bernhardi ist smart, aufgeklärt, kompetent. Er kann es zunächst kaum ernst nehmen, wird aber Opfer einer ekelhaften antisemitischen Kampagne

Foto: Arno Declair

Professor Bernhardi ist smart, aufgeklärt, kompetent. Er kann es zunächst kaum ernst nehmen, wird aber Opfer einer ekelhaften antisemitischen Kampagne

Zum Auftakt des Hamburger Theaterfestivals zeigt das brillante Berliner Gastspiel "Professor Bernhardi" erschütternde Mechanismen.

Hamburg.  Mit der Freiheit kann es eine Krux sein. Manchmal muss da auch ein Kultursenator ganz simple therapeutische Ratschläge geben: In einer Gesellschaft sei es wie in einer Beziehung, erklärte Carsten Brosda zum Auftakt des diesjährigen Theaterfestivals: "Man muss miteinander reden." Freiheit bedeute nämlich keineswegs nur die Freiheit von etwas, wie auch Festivalintendant Nikolaus Besch in seiner Begrüßung betonte.

Freiheit meint auch die Freiheit zum Handeln, zum Denken, zum Benutzen des Verstandes. In welchem Verhältnis dabei Vernunft und Gefühl miteinander ringen, welch zehrendes Kräftemessen auch notwendige Diskussionen bedeuten können, ist derzeit in vielen politischen Prozessen zu beobachten. "Wut hat in einer offenen, demokratischen Gesellschaft nichts zu suchen", glaubt Brosda, der sich darum vor allem mehr "Befähigung des Menschen zur Teilhabe" wünscht. Zum Beispiel im Theater. Denn das Theater, so Brosda, setze nicht allein auf verstandesmäßige Überzeugung, sondern auch auf Mit-Fühlen.

Herausragender Festivalauftakt

Geradezu beispielhaft zeigte das nun die herausragende Festivalauftakt-Premiere der Berliner Schaubühne im Thalia Theater: Thomas Ostermeier bringt Arthur Schnitzlers "Professor Bernhardi" erschreckend zeitlos auf die Bühne. Er legt Dynamiken im zwischenmenschlichen Umgang offen, die sich sowohl ganz konkret im individuellen Alltag als auch gesamtgesellschaftlich beobachten lassen. Den Zuschauer fröstelt es da zunehmend, und nicht erst, als der verräterische Satz "Das wird man doch wohl mal sagen dürfen" fällt.

Hamburger Theaterfestival – was sich lohnt

Die Ausgangslage ist zunächst nicht kompliziert: Bernhardi, kompetenter, selbstsicherer Chefarzt einer Privatklinik, hindert einen Priester daran, einem sterbenden Mädchen im Krankenzimmer die letzte Ölung zu geben. Seine Begründung: Sie realisiere nicht, dass sie stirbt, sei euphorisch, die Anwesenheit des Geistlichen ließe diese letzte Euphorie und also das vom Arzt gewollte sanfte Sterben zusammenbrechen. Die Konsequenzen seiner Entscheidung verschlagen einem den Atem.

Lehrgang in Populismus

Der Vorfall wird aufgebauscht und hemmungslos instrumentalisiert, man schaut einem scheinbar funktionierenden Machtgefüge zu, wie es sich langsam auflöst und neu zusammensetzt. Vermeintlich konservative Werte werden aufgerufen, (männliche) Eitelkeiten bestimmen den Fortgang, es wirkt fast wie ein Lehrgang in Populismus – unverhohlen antisemitischem Populismus. Denn Bernhardi ist Jude – und wird nun beschuldigt, deshalb andere in der Ausübung ihrer Religion zu behindern.

Kollegen und alte "Freunde" nutzen die Verteidigung christlich-abendländischer Werte dazu, die eigene politische oder medizinische Karriere zu befeuern. Präzise lässt Ostermeier sein exzellentes Ensemble männerbündlerisches Gruppenverhalten abbilden, das joviale Auf-die-Schulter-klopfen, das Scherzen, die Allianzen. Hier hat jemand sehr genau beobachtet, wie Opportunismus funktioniert. Wie wenig Anstand zählt – oder welch ein Preis dafür bezahlt wird. Es ist nicht überraschend. Aber erschütternd.

Die Realität ist höchstens ein Richtwert

Und es wird durch eine blinde Überheblichkeit der anderen Seite erst ermöglicht: "Was geht mich denn die Politik an?!" fragt Bernhardi, den Jörg Hartmann (Dortmunds "Tatort"-Kommissar Faber) fantastisch als ironischen, smarten Institutsleiter ohne große Selbstzweifel spielt. Er sieht, wie sein Stellvertreter (kalt, infam, glaubhaft: Sebastian Schwarz) sich an die Spitze speichelt, wie der Gesundheitsminister (grandios ölig: Hans-Jochen Wagner) sich windet und erkennt die Jämmerlichkeit beider – unterschätzt jedoch komplett, dass nicht die aufrechte Haltung (oder gar: Können) den Karrieristen nach vorn bringt, sondern Heuchelei und Intrige. In der grellweißen Klinikumgebung rücken Kameras den Darstellern immer wieder auf den Leib, vergrößern ihre Handlungen auf der Rückwand.

Die Realität ist bei alldem höchstens ein Richtwert. Ostermeier hat sich den Plot nicht besonders mühsam in die Gegenwart zerren müssen, die Bezüge sind überdeutlich, inklusive dem naiven Wunsch, die Populisten könnten "in fünf Jahren wieder verschwunden" sein. Alles nur ein Spuk? Wer dieses mehr als 100 Jahre alte, hellsichtige Stück und die darin entblößten Mechanismen gesehen hat, ist da nicht so sicher.

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