Hamburg

Beim Chorgesang kommt plötzlich die Sonne raus

Die Symphoniker Hamburg eröffnen die Spielzeit mit 250 Laienmusikern

Hamburg.  Eine so mächtige Orchesterbesetzung hat die Laeiszhalle wahrscheinlich noch nie erlebt. Die Bühne quillt förmlich über von der Masse an Musikern, die sich bis ins Parkett ergießt und den Raum mit dem Türkisblau seiner einheitlichen T-Shirts füllt. „Symphonic Mob. Ihr spielt die Musik!“ ist darauf zu lesen. Das Motto eines Spontankonzerts, mit dem die Symphoniker Hamburg ihre Saison eröffnen – die erste als offizielles Residenzorchester der
Laeiszhalle.

Rund 250 Laienmusiker sind der Einladung gefolgt, von der rüstigen Rentnerin bis zum sechsjährigen Knirps am Triangel. Die meisten kommen aus Hamburg, aber einige auch von weiter her, etwa ganz aus Dänemark, wie Jason Weaver staunend erfährt. Der amerikanische Dirigent leitet die Probe am Vormittag und klärt zunächst mal die Grundsatzfragen: Wann das Orchester aufsteht und ob er ausnahmsweise heute alle duzen darf.

Dann geht’s los. Vier Stücke stehen auf dem Programm. Es beginnt mit dem Torero-Marsch aus Bizets „Carmen“. Schon der erste Durchlauf klappt erstaunlich gut. „Ich merke, ihr habt alle geübt!“, lobt Weaver, der zwei Partituren auf dem Pult liegen hat. Neben der Originalversion auch noch eine mit etwas vereinfachten Stimmen für die Gäste.

Im Konzert am Nachmittag legen alle – souverän abgesichert von den Profimusikern der Symphoniker – noch eine Schippe drauf und begeistern die Hörer mit Musizierlust und Temperament. Nach dem Marsch und dem fünften ungarischen Tanz von Brahms kommt auch der 120 Menschen starke Mob-Chor zum Einsatz, der im ersten Rang verteilt sitzt. Der Kanon „Dona nobis pacem“ und Verdis Gefangenenchor aus „Nabucco“ beenden das knapp halbstündige Programm, das Jason Weaver schwungvoll leitet (und einen Tick zu ausführlich moderiert).

Als Zugabe wiederholt er das „Dona nobis pacem“ und animiert dabei das Publikum zum Mitsingen. Nach und nach gehen Orchester und Chor von der Bühne und den Rängen ab und bringen den Kanon in Endlosschleife durch die Gänge und Foyers der Laeiszhalle bis auf den Johannes-Brahms-Platz. Während diese bunt gemischte Menschenschar – darunter auch ein kleines Mädchen mit Kopftuch – die katholische Bitte um Frieden in die Welt nach draußen trägt, geht plötzlich am trüben Hamburger Schmuddelwetterhimmel die Sonne auf. Das kann kein Zufall sein.

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