Musik

Neue Alben: Starke Popsongs made in Hamburg

Miu, eigentlich Nina Graf, hat auch schon im Großen Saal der Elbphilharmonie gesungen

Miu, eigentlich Nina Graf, hat auch schon im Großen Saal der Elbphilharmonie gesungen

Foto: Elena Zaucke / Heart Beat & Soul

Sängerin Miu und das Duo Joco haben sehr hörenswerte neue Alben herausgebracht. Demnächst sind sie auch live zu erleben.

Hamburg.  Sie kennen sich flüchtig, vom Hallo-Sagen, erzählt Soul-Sängerin Miu – und meint das Pop-Duo ­Joco. Eine Nebenbei-Bemerkung, die optimistisch stimmt. Zeigt sie doch, dass die Hamburger Musikszene groß, vielfältig und beschäftigt genug ist, um aus den Attributen „jung, weiblich, toll“ nicht sofort ein Zwangsbiotop zu basteln, in dem frau sich ständig über den Weg läuft.

Viel lieber ziehen diese Künstlerinnen große Kreise. Miu bespielte bereits Bühnen vom Jazz-Baltica-Festival bis zum Kreuzfahrtschiff und testete mal eben in großer Besetzung vor der Eröffnung an zwei Abenden den Großen Saal der Elbphilharmonie. Joco trat unter anderem beim Reeperbahn Festival auf und begleitete Stars wie Singer-Songwriter Van Morrison auf Tour.

Umtriebige Musikerinnen

Nun will es der Zufall, dass beide Acts jetzt ihre jeweils zweiten Alben veröffentlicht haben – und beide werden sie ihr neues Material im Mojo Club vorstellen. Miu geht mit der Platte ­„Leaf“ an den Start, Joco mit „Into The Deep“. Doch selbst wenn sie sich untereinander kaum kennen: Den Hörern und Konzertgängern sei eine Begegnung mit diesen hochgradig talentierten und äußerst umtriebigen Musikerinnen tunlichst ans Herz gelegt. Sowohl Joco als auch Miu besitzen Massen- und Mitreiß-Appeal, ohne dabei an Charme und Charakter einzubüßen.

Bei Miu ist es die Stimme, die eindringlich nachhallt – dunkel und lässig, butterzart und kraftvoll, aus den tiefsten Tiefen emportosend und doch stets im Dienste des Songs. In der aktuellen Single „Bags With Homesickness“ trägt ihr Gesang eine nostalgische wie sehnsuchtsvolle Story über eine Nomadin, die durch die Welt ebenso stromert wie durch ihre Erinnerungen.

Die Nummer steigert sich im Refrain zum pop-musikalischen Bombast, was darauf hindeutet, dass Miu ihre Liebe zum Retro, zu Soul, Blues und Jazz zwar gewiss nicht abgelegt hat, aber ihre akustische Spielwiese deutlich erweitert hat. Fans des alten Miu-Klangs, wie er auf dem Debüt „Watercoloured Borderlines“ zu finden ist, müssen jedoch nicht verzagen: Das Stück „Not Another Lovesong“ versprüht viel funkige Laune und „Running Out Of Heroes“ birgt Bond-Song-Dramatik, während „Perfect Time To Go“ ein melancholisches „Moon River“-Feeling verbreitet, wie Miu es in Anlehnung an den Klassiker von Henry Mancini formuliert.

Und auch optisch sind die Stilikonen der Vergangenheit, Marilyn Monroe etwa, nach wie vor prägend. Die Wimpern lang, der Blick intensiv, die Locken blond, die Kleider schwingend. Doch Obacht! Bei Miu schließen sich Niedlichkeit und Stärke nicht aus. Sie ist ­Macherin, Musikerin und Komponistin, zudem Gesicht, Frontfrau und ihre eigene Marke. Ihre Band im Rücken gibt Halt, doch sie steht eben alleine vorne an der Rampe der Bühne, ist solo im hellsten Licht.

Hypnotischer Pop-Sound

Auf eine andere Dynamik setzen die Kolleginnen von Joco. Die Schwestern Josepha und Cosima Carl generieren im nahezu symbiotischen Austausch einen komplexen wie hypnotischen Pop-Sound, der dem Hörer stets das Gefühl vermittelt, an etwas Geheimnisvollen teilzuhaben. Ihr Setting ist dabei denkbar reduziert: Stimme, Piano, Trommeln. Diese verweben sich luftig, flirrend, irisierend – mitunter fein ergänzt durch Bass und Bläser.

In einem Song wie „You Make My ­Heart Explode“ scheint das besungene Herz in Zeitlupe zu explodieren, in einer anderen Sphäre, was den Eindruck beim Hören noch schöner, intensiver macht. Eine Nummer wie „Racquet“ wiederum kommt klanglich verspielt und zugleich mysteriös daher, erzählt aber letztlich ganz klar von einer Abkehr. Weg von den Lügen, hin zu sich selbst. Ohnehin ist Selbstbehauptung bei den jeweils neuen Werken von Joco und Miu ein wiederkehrendes Thema.

Mutiges Künstler-Dasein

Es mag überinterpretiert sein: Aber womöglich hat zum reflektierten wie durchaus mutigen Künstler-Dasein beider Acts der Besuch des Hamburger Popkurses beigetragen. Miu ging im Jahr 2014 an die Hochschule für Musik und Theater, die den Mix aus Talentschmiede und Theorieunterricht, Pop­labor und Kontaktbörse jährlich anbietet. Josepha und Cosima Carl nahmen 2013 an dem Coaching-Programm teil. Letztere fanden in den Popkurs-Professoren Peter Weihe und Anselm Kluge nachhaltige Förderer ihrer Kunst.

Unterschiede mag es zwar reichlich geben zwischen diesen Hamburger ­Musikerinnen. So ist Miu bei der kleinen feinen Ottensener Jazz-Plattenfirma Herzog Records beheimatet, während Joco beim Major-Label Sony untergekommen ist. Miu hat „Leaf“ im altehrwürdigen Studio Nord in Bremen aufgenommen, Joco spielte „Into The Deep“ unter anderem im legendären Abbey Road Studio in London ein.

Doch beide Acts verbindet die ultimative Leidenschaft für die Musik. Das Suchen nach den nächsten schönen Drehungen und Wendungen, die ihre Lieder noch interessanter, betörender, beglückender machen. Wer die Songs aufmerksam ­anhört, meint danach jedenfalls, sowohl Miu als auch Joco ein Stück besser zu kennen.

Miu: „Leaf“ (Herzog Records), live: Do 31.8., Mojo Club, Karten zu 17,- im Vvk.;
miu-music.de,

Joco: „Into The Deep“
(Columbia/Sony),
live: Mi 25.10., 20.00, Mojo Club, Karten zu 19,40 im Vvk.; jocomusic.com