Kultur

Unwürdige, lest Uwe Johnson!

Kürzlich erst hat die Literaturbeilage des "Spiegel" kühn und federstrichartig im Kanon der deutschsprachigen Literatur aufgeräumt. Mit Döblins "Berlin Alexanderplatz", Musils "Mann ohne Eigenschaften" oder gar Lessings "Nathan der Weise" wurden einige eherne Klassiker ohne viel Federlesens aussortiert. Eine Entlastung für viele, einerseits – endlich muss sich keiner mehr schämen, weil er den "Mann ohne Eigenschaften" nie wirklich gelesen hat. Andererseits mag man denken: An was soll man sich überhaupt noch halten, wenn nicht an die Säulenheiligen aus der Vergangenheit? An die Gegenwartsliteratur? Also bitte.

An Uwe Johnson haben sich die Kollegen nicht getraut. So viel literarhistorische Kenntnisse haben die nämlich allemal. Der Suhrkamp-Verlag weiß dennoch, dass auch für den Großromancier Johnson (1934–1984), den "Dichter beider Deutschland", die Werbetrommel ausgepackt werden muss. Seit gestern verschickt der Verlag einen Monat lang an alle Interessierten jeden Tag kostenlos ein Kapitel von Johnsons Roman-Vierteiler "Jahrestage". Deren erster Jahrestag, nach denen die Handlung zwischen Mecklenburg und New York gegliedert ist, ist der 20. August 1967. Vor genau 50 Jahren beginnt die Handlung dieses weltumspannenden Epos. Wer es tatsächlich noch nicht gelesen hat, der hole dies nach – Jahrestag für Jahrestag.

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