Literatur

Deutscher Buchpreis: Das sind die Romane des Jahres

Mitte Oktober wird der Deutsche Buchpreis vergeben. Wir stellen die Longlist mit den 20 ausgewählten Titeln vor.

Hamburg.  Man könnte meinen, die Jury des in diesem Jahr zum 13. Mal vergebenen Deutschen Buchpreises habe es in düsteren und keinesfalls zu Optimismus verleitenden Zeiten darauf abgesehen, zumindest der Leserschaft ein Gegengift zu injizieren. Überraschend viele Romane in der jetzt veröffentlichten Vorauswahl für den am 9. Oktober im Frankfurter Römer verliehen werdenden Renommierpreis sind von Humor getragen und versprechen schon in den Klappentexten Komik und Heiterkeit. Stellvertretend seien Ingo Schulze und Sven Regener genannt, deren neue Romane von schalkhaften Charakteren bevölkert werden.

Siebenköpfige Jury

Aus 200 Romanen wählte die jährlich wechselnde siebenköpfige Jury diesen Extrakt des Literaturjahres aus. Sie nominierte 13 Männer und sieben Frauen, fünf Österreicher und einen Schweizer. Mit dem bereits genannten Ingo Schulze, Robert Menasse, Thomas Lehr und Feridun Zaimoglu sind namhafte Autoren vertreten. Der Kieler Zaimoglu führt das Quartett der norddeutschen Autoren an, außer ihm sind der Hamburger Mirko Bonné, Kerstin Preiwuß aus Mecklenburg-Vorpommern und der gebürtige Bremer Sven Regener nominiert.

Longlist-Abend in Hamburg

Letzterer ist der kommerziell erfolgreichste Autor auf der Liste; andere wie Robert Prosser oder Sasha Marianna Salzmann gilt es erst noch zu entdecken. Mit Thomas Lehr, Ingo Schulze, Robert Menasse und Mirko Bonné kommen demnächst einige der Nominierten zu Lesungen nach Hamburg (Termine unter www.literaturinhamburg.de) – und bald schon alle zusammen: Am 30.8. findet in der Freien Akademie der Künste auf Einladung des Hamburger Literaturhauses von 19 bis 23 Uhr der große Longlist-Abend statt. Eine Premiere – mehr Gegenwartsliteratur geht nicht.

Ingo Schulze: "Peter Holtz: Sein glückliches ..."

Gibt es Favoriten beim Deutschen Buchpreis? Bei einer Auswahl von 20 Titeln, die die Jury jetzt hat, ist, nun ja, viel möglich – die Wege der Juroren sind freilich unergründlich. Als Favorit in einem Wettbewerb, der nach Möglichkeit literarische Exzellenz mit Publikumstauglichkeit verbinden soll, taugen oft die, die man schon kennt – und die, die in der Lage oder willens sind, mit ihren Romanen Erzählwerke zu schaffen, die den berühmten großen Bogen schlagen. So wie der ostdeutsche Schriftsteller Ingo Schulze, der in seinem ersten Roman nach neun Jahren, "Peter Holtz: Sein glückliches Leben erzählt von ihm selbst" (Veröffentlichung 7.9.), staunend und komisch von deutschdeutschen Verhältnissen, dem Kapitalismus und einem kuriosen Helden erzählt.

Sven Regener: "Wiener Straße"

Und auch diesem Buch könnte man das etwas abgenudelte Etikett " Schelmenroman" anheften: "Wiener Straße" ist der fünfte Roman des glorreichen Bremers Sven Regener. Regener ist mit seinem Herrn Lehmann, dem Westberliner Müßiggänger der Vorwendejahre, ein literarischer Dauerbrenner gelungen. Umso besser, dass es mit " Wiener Straße" (erscheint am 7.9.) nun endlich eines seiner pointenreich durchlakonisierten Bücher auf die Liste geschafft hat. Diesmal geht es in die Anfangs-80er, als Kreuzberg noch einen wahrhaft legendären Ruf hatte und Frank Lehmann in die abgedrehte Künstler-Bohème gerät. Sven Regener widmet sich den skurrilen Existenzen jenseits der Bürgertum-Normalität mit großer Lust an der Beschreibung bizarrer Szenerien.

Mirko Bonné: "Lichter als der Tag"

Der Hamburger in der Frankfurt-Vorschlussrunde – Mirko Bonné, 2012 sogar auf der Shortlist, hat es mit seinem über weite Teile in der Hansestadt spielenden Beziehungsroman "Lichter als der Tag" auf die Longlist geschafft. Sein neues Buch variiert Goethes " Wahlverwandtschaften" und berichtet mit Lust an der biografischen Chaos- Heimsuchung vom Familien-Crash eines sehr unglücklichen Akademikers.

Jakob Nolte: "Schreckliche Gewalten"

Sozusagen eine Entdeckung dieser Jury ist "Schreckliche Gewalten", der Roman des Dramatikers und Romanciers Jakob Nolte. Die Mutter der beiden Helden verwandelt sich eines Nachts in einen Werwolf und tötet ihren Mann – das ist die unglaubliche Ausgangslage. Der Leser folgt den Geschwistern auf ihren speziellen Lebenswegen zwischen Norwegen und Afghanistan – immer auf der Suche nach der Bestie in ihnen.

Kerstin Preiwuß: "Nach Onkalo"

Die Kritik hat Kerstin Preiwuß aus Lübz, Mecklenburg-Vorpommern, attestiert, sie habe einen "eigenwilligen Roman" geschrieben. Das kommt bei Buchpreis-Jurys meist gut an. In "Nach Onkalo" geht es um einen Helden weit abseits der durchschnittlichen Wahrnehmung: Als seine Mutter stirbt, ist Matuschek 40 Jahre alt. Er ist auf sich allein gestellt, erstmals, ungeschützt ...

Feridun Zaimoglu: "Evangelio"

Der deutsche Schriftsteller Feridun Zaimoglu, wohnhaft seit ewigen Zeiten in Kiel, aber geboren in der Türkei, tut in seinem Roman " Evangelio" das, was sonst niemand getan hat, Reformationsjahr hin oder her: Er spricht wie Luther, also derb und direkt und gnadenlos. Erzählt wird aus der Perspektive eines fiktiven Knechtes, der Rest war schon so – denn Luther, das war Drama pur.

Franzobel: "Das Floß der Medusa"

Ein historischer Roman des Österreichers Franzobel, der auf 600 Seiten die historisch belegte Geschichte um die vor zwei Jahrhunderten untergegangene Fregatte "Medusa" aufblättert. 15 der etwa 150 Passagiere überlebten, und was sich abspielte, weil es zu wenig Rettungsboote gab, davon erzählt der Autor in einem Buch, das eine Qualität besitzt, die vielen fehlt: Es ist spannend.

Christine Wunnicke: "Katie"

Die Münchnerin Christine Wunnicke steht nach 2015 zum zweiten Mal in der Vorauswahl. Das nicht obwohl, sondern weil sie in ihren Büchern über exzentrische Figuren schreibt. Es ist die Aufgabe der Buchpreis-Jury, auch abseitige Stoffe zu entdecken. In "Katie" bereist die Autorin das viktorianische England, wo eine Séancen-begeisterte Teenagerin Kontakt zu einem Geist aufnimmt.

Julia Wolf: "Walter Nowak bleibt liegen"

Das unerbittliche, dennoch empathische und scharf beobachtete Porträt eines Mannes am Ende seines Lebens, über den das, was früher war, ziemlich überraschend hereinbricht – das ist Julia Wolfs bereits 2016 in Klagenfurt zu Recht belobigter Roman "Walter Nowak bleibt liegen". Ein schmales Werk, das auf wenig Raum mit Sprache viel macht und sehr gut komponiert ist.

Sasha Marianna Salzmann: "Außer sich"

Wieder eines dieser Sprachwunder: Na, wahrscheinlich ist das zu hoch gegriffen. Aber bemerkenswert ist es, mit welcher Erzählgewalt die aus Osteuropa Eingewanderten in deutscher Sprache dichten. Sasha Marianna Salzmann wurde 1985 in Wolgograd geboren und lebt seit 1995 in Deutschland. "Außer sich" (VÖ 11.9.) erzählt von Zwillingen, die bikultural sind – und auf der Suche.

Marion Poschmann: "Die Kieferninseln"

Marion Poschmann ist zuletzt in den Kreis der reichlich wahrgenommenen Autoren aufgestiegen. 2013 stand sie mit einem Roman im Frankfurter Finale, 2016 mit einem Gedichtband auf der Leipziger Shortlist. Ihr neues Buch "Die Kieferninseln" ist ein sprachsensibler, komischer Roman, der seinen Helden, einen aufgescheuchten Privatdozenten, bis nach Japan trägt.

Robert Menasse: "Die Hauptstadt"

Der Polit- und Panorama-Roman trägt in diesem Literatur-Herbst den Titel "Die Hauptstadt" (VÖ 11.9.) und stammt von dem Österreicher Robert Menasse. Der für seine EU-kritischen Essays bekannte Autor verknüpft in seinem anspruchsvollen Roman die Bürokratie des Apparats mit der Tiefe der europäischen Geschichte. Zeiten und Nationen – sie treffen sich in Brüssel.

Birgit Müller-Wieland: "Flugschnee"

Einen der schönsten Romantitel auf der Longlist trägt der Familien- und Generationenroman "Flugschnee" der Österreicherin Birgit Müller-Wieland. Sie erzählt auf altmodisch-klassische Weise von einer Sippe und den Lebenswegen ihrer einzelnen Bestandteile. Von Menschen also, ihren Erinnerungen und Geheimnissen, einen Bogen spannend von Berlin nach Hamburg.

Gerhard Falkner: "Romeo oder Julia"

Gerhard Falkner steht wie im vergangenen Jahr in der Vorauswahl – eine gute Nachricht. Sein neuer Roman "Romeo oder Julia" (VÖ 1.9.) scheint dabei genau den Wirklichkeitszugriff zu haben wie der Vorgänger "Apollokalypse" – eine diffuse Bedrohung liegt über dem Geschehen. In "Romeo oder Julia" schleicht sich die Vergangenheit höchst rätselhaft in das Leben des Helden.

Thomas Lehr: "Schlafende Sonne"

Thomas Lehrs gewichtiger und ästhetisch hochtouriger, ein Jahrhundert umspannender Roman "Schlafende Sonne" (VÖ 21.8.) mag es zum Grundprinzip erhoben haben, auf der Stelle zu treten – genau das macht ihn zu einem natürlichen Buchpreis- Kandidaten. Spielt an einem Tag im Jahr 2011 in Berlin, porträtiert ganze Epochen, als wären sie in der Tat Bilder – mit vielen Details.

Michael Wildenhain: "Das Singen der Sirenen"

Der Gelehrte als Romanheld: Das ist eine Konstante der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Geist ist eben geil? Hier schon: In Michael Wildenhains Roman "Das Singen der Sirenen" ist der Literaturwissenschaftler immerhin auch Frankenstein- Experte und reist als solcher nach London, wo er sich in eine viel jüngere Naturwissenschaftlerin verliebt. Es wird sehr intensiv.

Monika Helfer: "Schau mich an, wenn ich mit dir rede!"

Der österreichische Verlag Jung und Jung ist Stammgast auf den Long- und Shortlists des Deutschen Buchpreises. Insofern verwundert es nicht, dass Monika Helfer mit "Schau mich an, wenn ich mit dir rede!" nominiert ist, einem Roman über eine Patchwork- Familie, die nicht funktioniert und vor dem Zerbrechen steht. Ein stilles Buch, nüchtern in der Sprache, nicht wertend.

Jonas Lüscher: "Kraft"

Der in München lebende Schweizer Jonas Lüscher, Jahrgang 1976, mag zuletzt eher zu viel als zu wenig gelobt worden sein. Dass "Kraft", seine Gelehrten- Tragikomödie, nun auf der Longlist steht, ist in den Augen seiner nicht wenigen Fans trotzdem eine Rehabilitierung für die Leipziger Nichtberücksichtigung. Ein Rhetorikprofessor will das Silicon Valley erobern – oha.

Robert Prosser: "Phantome"

"Rasant" ist eine in der Buchbeschreibung oft gebrauchte Vokabel, die ausdrücken soll, dass in einem Roman viel passiert. In Robert Prossers grandiosem Roman "Phantome" – ein Titel aus dem auf Rasanz abzielenden Ullstein- Programm "Ullstein Fünf" – fahren eine aus Bosnien stammende junge Frau und ihr Sprayer-Freund in das Land ihrer Herkunft – es geht um Identität, Vertreibung und nicht verheilte Wunden.

Christoph Höhtker: "Das Jahr der Frauen"

Christoph Höhtker! Eine Überraschung. Den 1967 in Bielefeld geborenen Radikal-Literaten hat man nicht unbedingt erwartet – manch eine(r) könnte sich allzu leicht an Höhtkers extra-virilen Macho-Welten stören. Sein Frank Stremmer, ein Ober-Macho, der natürlich einiges an Jämmerlichkeit bemänteln muss, ist nun schon im dritten Buch hinter den Damen her. Er sucht Erlösung: mit zwölf Frauen in einem Jahr.

© Hamburger Abendblatt 2017 – Alle Rechte vorbehalten.