Schleswig

Reformation in sechs Stunden

Ein Wandelkonzert auf Schloss Gottorf entführt das Publikum an verschiedenen Orten in die Lutherzeit

Schleswig. Luther war natürlich nie am Hof von Gottorf, er war überhaupt niemals im Norden. Trotzdem fanden seine Ideen hier besonders großen Anklang. Fast alle Regionen von Norddeutschland bis Skandinavien schlossen sich im Lauf des 16. Jahrhunderts der Reformation an. Das macht das Landesmuseum für Kunst- und Kulturgeschichte auf Schloss Gottorf anlässlich des diesjährigen 500. Jubiläums des Thesenanschlags ab 9. Oktober zum Thema der großen Ausstellung "Luthers Norden". Doch bereits am Wochenende wurde der Reformator aus dem kursächsischen Wittenberg auf Gottorf ausgiebig gewürdigt und gefeiert, und zwar mit dem restlos ausverkauften Wandelkonzert "Luther bei Hofe", das zum Programm des Schleswig-Holstein Musik Festivals gehörte.

Der Begriff Wandelkonzert bezeichnet laut Wikipedia "ein Konzert, bei dem die Zuhörer sich zwischen den einzelnen Darbietungen bzw. Instrumenten oder Tonträgern bewegen". In Gottorf wandelten die Besucher im Lauf von immerhin sechs Stunden auf dem historischen, zumindest für hochhackige Schuhe freilich ziemlich gefährlichen Pflaster zwischen Schloss, Kreuzstall und Reithalle hin und her.

Zwei Regenschirme dienten als Orientierungshilfe

Da der Wittenberger Reformator die Musik von Johann Sebastian Bach naturgemäß nie hat hören können, stand das erste Konzert, das 15 Uhr im prächtigen Hirschsaal aus dem späten 16. Jahrhundert begann, unter dem vieldeutigen Titel "Luther transzendental". Die französische Pianistin Claire-Marie Le Guay spielte Klavierbearbeitungen von Bach-Chorälen wie "Nun kommt der Heiden Heiland" sowie Bachs Italienisches Konzert, das zwar keinen erkennbaren Luther-Bezug hat, was aber niemanden störte. Danach kamen zwei Regenschirme zum Einsatz, an diesem strahlend-schönen Nachmittag allerdings nur als Orientierungshilfe: Während die eine Hälfte des Publikums dem roten Schirm Richtung Kreuzstall folgte, begab sich die andere hinter dem freundlichen jungen Mann mit dem weißen Schirm in die Schlosskapelle zum Konzert mit geistlicher Musik der Lutherzeit.

Ein Vokalensemble unter Leitung von Christian Skobowsky interpretierte Choräle und Motetten von Hans Leo Hassler, Johann Walter und Samuel Scheidt, aber auch Lieder des Reformators. Wunderbar klar und klangschön das a cappella vorgetragene "Vom Himmel hoch, da komm ich her", das diesem Spätsommertag einen kurzen weihnachtlichen Moment verlieh. Vor allem vermittelte das Konzert aber einen Begriff von der kraftvollen Wirkung der reformatorischen Choräle, die 1529 in Lübeck in der konfessionellen Auseinandersetzung sogar als "Kampfmittel" eingesetzt wurden, um die damals noch katholischen Prediger im Gottesdienst zu übertönen.

Deftiger und auch fröhlicher ging es parallel im Kreuzstall zu, wohin die Besucher der Schlosskapelle anschließend vom Träger des weißen Schirms gelotst wurden. Dort stand weltliche Musik der Lutherzeit auf dem Programm. Die Lautten Compagney Berlin führte dort Liebes- und Trinklieder auf, die der Tenor Robert Sellier mit sicht­lichem Vergnügen interpretierte. Zum Beispiel "Ein fein Lied vom Geld", eine Spielmannsweise aus dem 15. Jahrhundert, bei der es sich sozusagen um die unfromme Variante von Martin Luthers eben erst gehörten Weihnachtslied "Vom Himmel hoch, da komm' ich her" handelt.

Nach immerhin vier Stunden startete dann um 19 Uhr der letzte Programmpunkt, bei dem das noch immer bemerkenswert aufnahmefähige Publikum in der Reithalle wieder vereint war. "Martin Luther – ein Lebensbild" hieß der etwas altertümlich anmutende Titel einer jedoch höchst spannenden Lesung, die Rolf Becker gemeinsam mit dem Percussionisten Stefan Weinzierl bestritt. Wie der Schauspieler im Zusammenspiel mit dem Musiker das spannende und widersprüchliche Leben des Augustinermönchs, der Papst und Kaiser herausforderte und die Zeit aus den Angeln hob, für heutige Zuhörer nacherzählte, erklärte und im aktuellen Kontext begreiflich und nachvollziehbar machte, das war der Höhepunkt dieses "Wandelkonzerts", das für viele Besucher neben dem musikalischen Hörgenuss eine ebenso informative wie unterhaltsame Lektion in Reformationsgeschichte mit sich gebracht haben dürfte.

Rolf Beckers und Stefan Weinzierls Luther-Story geht übrigens auf einen Text der Autorin Corinna Hesse zurück und ist unter dem Titel "Martin Luther – Das Hörbuch" im Silberfuchs Verlag erschienen.

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