Hamburg

Wenn ein Puppen-Fan auf eine Soul-Legende trifft

Der Bühnenzauberer Socalled (l.) und der Musiker Fred Wesley proben derzeit auf Kampnagel

Der Bühnenzauberer Socalled (l.) und der Musiker Fred Wesley proben derzeit auf Kampnagel

Foto: HA / HA / Mark Sandten

Socalled und Fred Wesley erarbeiten die Handpuppenoper „The 2nd Season“ für das Sommerfestival. Eine Sorge treibt den Puppenspieler aber noch um.

Hamburg.  Ein sommerlicher Tag in Hamburg. Bei Josh Dolgin liegen die Nerven blank. Seine Puppen hängen im Zoll fest. Und ohne Puppen kein Puppenmusical. Die Figuren sind aber zentrales Element der Kunst, die der Kanadier mit dem Künstlernamen ­Socalled von Donnerstag an beim Internationalen Sommerfestival auf Kampnagel zeigen will.

Die Puppen lassen also auf sich warten, dafür ist ein anderer schon da, Fred Wesley, 74 Jahre altes Urgestein aus der legendären Blechbläsertruppe The JB’s des Godfathers of Soul, James Brown („Sex Machine“) und zentrale Figur in „The 2nd Season Featuring Fred Wesley“.

The Season für Kinder und Erwachsene

2014 avancierte die Handpuppen-Oper „The Season“ zum Überraschungs-Festivalhit. Zusatzvorstellungen wurden angesetzt. Nun ­also erzählt der eigentlich immer gut gelaunte Simp­sons-Fan Socalled – Musiker, Fotograf, Zauberer und Cartoonist in Personalunion – die Fortsetzung. Die charmante Geschichte der Freunde Bär, ­Hase und Biber und von Tina, dem rotflauschigen Alien, das sich in den Bären verliebt. „,The Season‘ war eigentlich nur für eine Nacht in Montreal ­geplant“, erzählt Socalled. „Es ist schon für Kinder gedacht, aber eben auch für Erwachsene. Es ist unterhaltsam, fröhlich, verbindend und macht Spaß, weil jeder einfach sein Ding macht. Ein innovatives Musical ist es eher durch Zufall geworden.“

Das Publikum in Montreal, aber auch in Hamburg, liebte es so sehr, dass daraus nun eine ganze Serie wird. Im Februar beginnt Socalled mit „The 3rd Season“. In jeder Folge tritt neben den Puppen auch ein Mensch auf. In Teil eins war es ein Jäger, gespielt von der kanadischen Folklegende Yves Lambert. Für Teil zwei suchte Socalled nach einem neuen menschlichen Protagonisten und kam schnell auf seinen absoluten Lieblingsmusiker: Fred Wesley. Beide haben seit zehn Jahren Kontakt, haben sich bereits für ein gemeinsames Band- und Tourprojekt mit dem Namen Abraham Inc. zusammengetan und dort munter Klezmer, Hip-Hop und Funk gekreuzt.

Lustige Puppen mit ernstem Hintergrund

In „The 2nd Season“ nun – Achtung Spoiler! – taucht ein kleiner roter Bär im Wald auf. Es ist Tammy, das ­gemeinsame Kind von Bär und Alien Tina. Die Suche nach dem Vater führt Tammy in eine Posaunenfabrik, wo die Bären den Instrumenten mit einem speziellen Honig ihren goldenen Feinschliff verpassen – und leider auch eine Sucht nach ihm entwickeln. Den Direktor dieser Posaunenfabrik spielt natürlich Fred Wesley.

Puppen faszinieren Socalled seit Langem. Auch weil man mit ihnen scheinbar kindlich und vergnüglich von durchaus ernsten Dingen erzählen kann. „Während in Teil eins Ausländerfeindlichkeit unterschwellig ein Thema bildete, liefern hier Sucht, Ausbeutung und die Verwandlung der Städte den ernsthaften Hintergrund“, erzählt Socalled.

„Aha, jetzt verstehe ich die ­Geschichte erst“, raunt der aufmerksam zuhörende Fred Wesley mit breitem Grinsen. „Ich lebe meine Bonus-Jahre“, sagt er. Wesley ist alles andere als eine Diva, sondern Vollprofi und vom Projekt zutiefst überzeugt. Die ­berühmte Posaune lehnt am Tisch. Ein Mann tritt auf ihn zu: „Sind Sie Pee Wee Ellis?“ „Nein, viel besser“, antwortet Socalled für ihn. Ellis war ebenfalls Teil der legendären Bläsergruppe The JB’s, aber was soll’s. Wesley nimmt die Verwechslung mit Humor.

Mühelose Avantgarde-Kunst

Er verkörpert in dem Puppenmusical nicht nur eine Rolle, sondern spielt auch in der Band, die aus Socalled, seiner Rhythmusgruppe, dem von der ­Zusammenarbeit mit Chilly Gonzales bekannten Kaiser Quartett und dem New Yorker Bronx-Rapper C-Rayz Walz besteht. Gonzales ist ein anderer erfolgreicher Musiker aus Kanada, der übrigens am Dienstag in der ausverkauften Elbphilharmonie auftritt. Etliche kanadische Musiker kennen sich untereinander, viele von ihnen liefen sich in Berlin über den Weg. Sängerin Feist, die gerade beim Festival A Summer’s Tale aufspielte, zählt ebenso dazu wie die Elektropunkerin Peaches und Mocky, der am 12. August beim Sommerfestival ein Konzert gibt.

„In Montreal kann man günstig ­leben, alle sind entspannt, und man kann dort sogar verrückte Puppen­musicals erfinden“, erzählt Socalled. Die Freude an seinem neuen Werk ist ihm sichtlich anzumerken, auch wenn er dabei gerade eine künstlerische Großfamilie aus Musikern und Puppenspielern dirigiert. Auch die Hamburgerin Jessica Nupen ist als Choreografin mit an Bord.

Die Musik hat Socalled durchkomponiert; da ist alles vertreten, was das Herz von Musicalfreunden erwärmen kann: Balladen, Liebeslieder, Frohsinn. Wenn nur die Puppen noch rechtzeitig an Land kämen. Socalled hat jede einzelne in sorgsamer Detailarbeit eigenhändig angefertigt. Bei der „Tammy“-Figur musste er lange überlegen, wie eine Mischung aus Alien und Bär wohl aussehen könnte.

„The 2nd Season“ verspricht jedenfalls ein großer Spaß für die ganze Familie zu werden. Für Kinder bieten sich die Nachmittagsvorstellungen an. Die Geschichte bleibt dabei unverändert, nur die Sprache wird an die jungen Zuschauer angepasst, damit sie ­alles verstehen. Müheloser kann Avantgarde-Kunst wohl kaum sein.

Socalled & Friends: „The 2nd Season Featuring Fred Wesley“ 10./11.8., 21.00, 12./13.8., 17.00, 20.00, Kampnagel, Jarrestraße 20– 24, Karten 24/14 erm. 9 Euro unter T. 27 09 49 49; www.kampnagel.de