Hamburg

Als Bardame im Bordell? Unbedingt romantauglich

Hamburg. Es gibt einen Begriff für unterhaltsame Lies-mich-weg-Lektüre, unter deren Lesern man vor allem Frauen (oder eher wohl: "Mädels") vermutet: "Chick-Lit". Ein Genrebegriff, der durchaus abwertend verstanden werden kann (weil populäre Unterhaltungsliteratur ja nie so ganz ernst genommen wird – ganz ähnlich übrigens wie junge Frauen, also "Chicks", also "Hühnchen"). Andererseits sind gerade in diesem Genre auffallend oft selbstbewusste, schlagfertige Frauen die Protagonistinnen (und die Schreiberinnen, übrigens). Klischees werden gebrochen, Pointen nicht umschifft. So auch in dem erfrischenden Debütroman "Küssen kostet extra" der Journalistin Carline Mohr, die bei "Spiegel Online" als Chefin vom Dienst Audience Development arbeitet und als "Mohrenpost" im Netz unterwegs ist.

Pinkfarbenes Cover mit Reißverschlusslippen. Oder Lippenreißverschluss? Dezenz ist Schwäche, jedenfalls. Carline Mohr fällt auf dem Büchertisch auf. In "Küssen kostet extra" schreibt Mohr über einen nicht alltäglichen Nebenjob, in dem die Autorin selbst – laut Klappentext – ein paar Monate arbeitete: als Bardame in einem Puff. ­Angezogen, um das gleich klarzustellen, und wirklich nur am Tresen.

So wie ihre Hauptdarstellerin Fanny, Mitte 20 und eigentlich kurz vor einem Volontariat bei einem Münchner Lokalblatt. Ein wenig unbedarft stolpert Fanny (im Bambi-Pulli!) in neue Lebensumstände. On-and-off-liiert mit einem viel zu verheirateten Volltrottel und viel zu pleite für ein altes Liebhaberauto, freundet sie sich mit den (natürlich herzensguten) Prostituierten an ihrem neuen Arbeitsplatz an. Das Romanpersonal ist schrullig und dabei nur ganz selten ein wenig stereotyp, immer witzig und unbedingt liebenswert.

Vor allem nämlich pflegt Carline Mohr einen Humor, der lustig und schön böse ist. Und sie kann ihn gut formulieren, ohne dabei ihre Figuren zu verraten. Auf die Männerwelt blickt man anschließend vermutlich etwas ernüchterter, wie auch die überhaupt gar nicht komischen Seiten der Branche bei Mohr vorkommen dürfen. Was dem Roman eindeutig zu mehr Glaubwürdigkeit verhilft, es aber womöglich schwieriger macht, "Küssen kostet extra" eines Tages als fröhlich-frechen Sat.1-Filmfilm wiederzusehen.

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