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Randy Newman: Was Putin mit Tom Cruise verbindet

Der US-Komponist
und Sänger Randy Newman (73) schrieb u. a. den Song „You Can Leave Your Hat On“

Foto: Warner Music

Der US-Komponist und Sänger Randy Newman (73) schrieb u. a. den Song „You Can Leave Your Hat On“

Sänger, Pianist und politischer Kopf: ein Gespräch über das neue Album, die gesellschaftliche Kluft und US-Präsident Trump.

Berlin.  Ein Treffen mit Randy Newman bedeutet selbstverständlich ein ­Gespräch über US-Präsident Trump und die Veränderungen, die in Nordamerika vor sich gehen. Aber auch um andere Präsidenten wie Wladimir Putin und John F. Kennedy, um Darwins Evolutionslehre, den Nobelpreis und Wasserknappheit ging es in dem Interview mit dem Sänger, Pianisten und Oscar-Gewinner, der seit 50 Jahren zu den bedeutendsten Songschreibern und kritischen Geistern der Popwelt gehört. Nun legte er sein neues Album "Dark Matter" vor.

Was bedeutet es für Künstler, wenn jemand wie Donald Trump Präsident wird? Kann man die Vorlagen, die Trump täglich gibt, verwerten?

Randy Newman: Es herrscht gerade ein unglaublicher satirischer Boom. Aber nur eine Hälfte der Amerikaner findet das spaßig. Das Land ist geteilt. Selbst Freundschaften werden schwieriger. Die USA waren schon immer zwischen Liberalen und Konservativen geteilt, aber jetzt ist diese Kluft offensichtlich.

Der Schlüsselsong auf Ihrem neuen Album heißt "Great Debate". Da steckt viel über Trump drin, aber er wird nicht erwähnt.

Newman: Es geht um den Konflikt zwischen Glauben und Wissenschaft, den es schon vor Trump gab. Es gibt Leute in Nordamerika, die glauben nicht an Wissenschaft, nicht an die Evolution, nicht an den Klimawandel. Der Song erzählt von einer Debatte zwischen diesen beiden Seiten. Am Ende gewinnt die Seite, die sich auf Gott und Jesus beruft, mit 3:0.

Es gibt US-Bundesstaaten, in denen Darwins Evolutionstheorie nicht gelehrt wird ...

Newman: Ja, man kann es kaum glauben. In Staaten wie Kansas werden beide Anschauungen unterrichtet, also Darwin und die Lehre vom "Intelligent Design". Sie ­besagt, dass die Evolutionslehre lückenhaft sei, an vielen Stellen müsse höhere Intelligenz in die Evolution eingegriffen haben. Was lächerlich ist.

Ist die Kluft zwischen gebildeten und ungebildeten Menschen in den vergangenen Jahren in den USA größer geworden?

Newman: Ja. Oder es ist offensichtlicher geworden. Nicht alle Leute, die Trump gewählt haben, gehen in die Kirche. Viele von ­ihnen sitzen sechs bis sieben Stunden vor der Glotze und schauen Nachrichten. Die rechten Medien haben ihnen plötzlich eine Stimme gegeben. Die anderen Sender berichten, was passiert ist, aber Fox interpretiert die News. Wer Nachrichten aus dieser Quelle bezieht, fängt irgendwann an, sie zu glauben.

Die sogenannten Fake News?

Newman: Ja. Fake News sind Lügen. Und davon gibt es bei Fox eine Menge. Die Trump-Anhänger glauben, was sie glauben, und wir glauben, was wir glauben. Darüber wird nicht mehr diskutiert, und das ist verhängnisvoll. Ich bin sicher, dass die andere Seite falsch liegt, aber sie ist sich genauso sicher. Da entsteht die Kluft.

Als Sie den aktuellen Song "Putin" ­geschrieben haben, wussten Sie da bereits von den Anschuldigungen gegen Trump in Bezug auf mögliche Verstrickungen mit Russland?

Newman: Nein. Ich habe den Song schon vor einigen Jahren geschrieben Inspiriert haben mich damals Bilder, auf denen Präsident Putin mit freiem Oberkörper zu sehen ist. Es hat mich verblüfft, warum er das macht. Er ist sonst so kontrolliert. Vielleicht wollte er sich fühlen wie Tom Cruise und Frauen beeindrucken.

Erwarten Sie eine Reaktion aus Russland?

Newman: Das Stück wurde dort veröffentlicht. Die Leute in Russland mochten den Song und das Video dazu. Keine Ahnung, ob sie die Satire, die da drinsteckt, mit­bekommen haben. Es ist viel darüber auf Russisch geschrieben worden, ich warte jetzt auf die Übersetzungen.

Glauben Sie, dass Trump über die Russland-Affäre stürzen kann?

Newman: Ich lag in jeder Hinsicht in Bezug auf Trump falsch. Ich habe nicht geglaubt, dass er als Präsidentschaftskandidat ­nominiert würde. Und ich habe erst recht nicht geglaubt, dass er gewählt wird. Möglicherweise verbirgt er irgendetwas. Es kann nicht nur Sturheit sein, dass er überhaupt nichts sagt. Vielleicht geht es um ein Darlehen oder das Sex-Video, über das es Gerüchte gab. Vielleicht schafft er die vier Jahre Amtszeit nicht. Aber ich lag mit meinen Prognosen in Bezug auf ihn oft falsch.

Präsidenten scheinen Sie besonders zu interessieren. Auf "Dark Matter" gibt es auch ein Lied über John F. und seinen Bruder Robert Kennedy. Was hat Sie dazu inspiriert?

Newman: Es ging weniger um die Kennedys als vielmehr darum, dass ein älterer Bruder seinen jüngeren aufzieht.

Ein weiterer Schlüsselsong auf "Dark Matter" heißt "It's A Jungle Out There". Haben Sie manchmal das Gefühl, in einem Dschungel zu leben?

Newman: Ich habe den Song für die Krimi-Serie "Monk" geschrieben und für eine Figur, die voller Ängste steckt. Wenn man nicht gerade in einem Viertel mit viel Kriminalität wohnt, ist das Leben in ­Kalifornien nicht sehr gefährlich. Trump hat einen guten Job gemacht, indem er Leute verängstigt hat. Grenzbeamte zum Beispiel sind oft unfreundlich, weil sie nervös und unsicher gemacht worden sind.

Wovor fürchten Sie persönlich sich am meisten?

Newman: Der Klimawandel bereitet mir große ­Sorgen. Und ich habe Angst, dass es Krieg um Wasser geben könnte. Es gibt schon viele Gegenden auf der Welt, in der Wasser rationiert ist wie in der ­Sahel-Zone. Es ist einer der wichtigsten Rohstoffe.

Sie gelten mit Ihren gesellschaftskritischen und satirischen Texten als einer der überragenden Pop-Dichter der Gegenwart. Hätten Sie auch gern den Literaturnobelpreis ­bekommen?

Newman: Bob Dylan verdient ihn. Literatur passiert eigentlich auf einem anderen Level, verglichen mit dem, was er und ich schreiben. Es ist schwer, in der kleinen Form gut zu sein. Lyrik ist schwierig. Aber für die Popmusik war die Auszeichnung von Dylan eine große Sache, weil sich damit ihr Stellenwert vergrößert hat.

Sie haben viele Klassiker wie "You Can ­Leave Your Hat On", "Sail Away" und "Feels Like Home" geschrieben, mit "Short People" aber nur einen Single-Hit gelandet. Warum schlägt sich Ihre Popularität nicht in Hitparaden-Erfolgen nieder?

Newman: Mich interessieren vor allem besondere Charaktere und amerikanische Geo­grafie und Geschichte. Ich hätte mehr Hits gehabt, wenn ich mehr Liebeslieder geschrieben hätte. Aber Liebeslieder sind nicht sehr spannend.

Randy Newman live, 21.2.2018, Laeiszhalle, Karten: 50,05 bis 79,95 Euro in der Abendblatt-Geschäftsstelle, Großer Burstah 18–32,
T. 30 30 98 98

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