St. Pauli Theater

Selbst wer keinen Humor hat, muss lachen

| Lesedauer: 6 Minuten
Tino Lange
Knalltütenalarm: In „The Play That Goes Wrong“ geht konsequent alles schief, was schief gehen kann

Knalltütenalarm: In „The Play That Goes Wrong“ geht konsequent alles schief, was schief gehen kann

Foto: Christian Knecht

Das St. Pauli Theater zeigt mit „The Play That Goes Wrong“ Ende August britischen Slapstick. Wir waren auf Spurensuche in London.

London.  Was der Broadway für New York ist, ist das West End für London: Im auch „Theatreland“ genannten Distrikt zwischen Oxford Street und ­Regent Street sind fast 40 Theater und Musicalhäuser angesiedelt, eine der weltweit dichtesten Bühnenkonzentrationen. In wenigen Minuten ­erreicht man hier „Das Phantom der Oper“, „König der Löwen“, „Mamma Mia!“, „Aladdin“, „Dreamgirls“, „Les Misérables“ oder „Evita“, aber auch „Hamlet“ oder „Harry Potter“. Touristen und Edelshopper treffen in und vor den Pubs auf Bürohengste und -stuten, die hastig zweihändig ihre fünf, sechs Feierabend-Pints stürzen. Männer wie Frauen.

„Hier kann man eine Menge auf die Schippe nehmen, und am besten können das die Engländer selber“, sagt der Schweizer Theaterregisseur Dominik Flaschka, leert sein eigenes Pint und schaut dem Treiben unweit des Duchess Theatre zu. Dort wird gleich „The Play That Goes Wrong“ gezeigt, ein Stück, das Flaschka mit großem Erfolg auch im Zürcher Theater am Hechtplatz ­inszeniert hat, das er leitet. Am 21. ­August kommt er mit seinem Ensemble und „The Play That Goes Wrong“ nach Hamburg ins St. Pauli Theater. Grund genug, um sich noch mal vom Original inspirieren zu lassen. Das West End ist wie ein Paradies für Flaschka, der für seine Inszenierungen kürzlich den Schweizer Theaterpreis erhielt.

Produziert in über 20 Ländern

„Monty Python’s Flying Circus“ oder „Mr. Bean“ dürften eine Inspiration gewesen sein, als sich 2008 zwölf Absolventen der London Academy of Music and Dramatic Art zur Mischief Theatre Company („Unfug-Theater“) zusammenschlossen. Die Gruppe hat seitdem mehrere Komödien und Impro-Shows konzipiert, „The Play That Goes Wrong“ ist seit ihrer Londoner Uraufführung 2012 am populärsten.

Übersetzt und produziert in über 20 Ländern wagte sich die Originalbesetzung in diesem Frühjahr auf den Broadway. J.J. ­Abrams, Regisseur von „Star Wars: Das Erwachen der Macht“, gab sein Debüt als Theater-Produzent und freute sich über einen Tony-Award für das beste Bühnenbild. Das britische Pendant, den Laurence Olivier Award für die „Beste neue Komödie“, gewann „The Play That Goes Wrong“ nach seinem Einstand im West End 2014 im seitdem dauerhaft ausverkauften Duchess Theatre.

Wenig formale Atmosphäre

Auch als wir mit Flaschka in die ­Sitze sacken, platzt der Saal aus allen Nähten. Offensichtlich haben sich wenig Touristen eingefunden, zumindest trauen wir es denen nicht zu, während der Vorstellung wie im Kino tütenweise Chips (Kartoffelchips, nicht Pommes) zu knuspern. ­Allerdings passt diese eher wenig formale Atmosphäre perfekt. Denn nichts läuft in „The Play ...“ nach Plan. Schließlich sind die fiktiven Laien-Darsteller der „Cornley Polytechnic Drama Society“, die sich in diesem Stück im Stück an der Umsetzung des Krimis „Mord auf Schloß Haversham“ versuchen, die größten Stümper, die das Schauspielfach je hervorgebracht hat.

„Mord auf Schloss Haversham“ ist eigentlich ein klassisches „Whodunnit“ im Stil von Agatha Christies „Mausefalle“: „The Mousetrap“ ist das am längsten ununterbrochen aufgeführte Theaterstück der Welt, seit 1952 läuft es täglich im West End. Britisches Kulturgut. Ideal, um es liebevoll zu persiflieren: Es gibt eine Leiche und mehrere Verdächtige, darunter, klar, der Gärtner. Ein Inspektor versucht, den Fall zu lösen. Biederes Krimitheater, in seinen Kulissen und Kostümen so angestaubt, dass die Darsteller förmlich Wollmäuse aushusten müssten. Wenn sie so könnten, wie sie wollten, was sie nicht dürfen.

„Monty Python“ im Schnelldurchlauf

Denn „The Play That Goes Wrong“ ist Slapstick-Feuerwerk, wie eine Folge „Mr. Bean“ oder „Monty Python“ im Schnelldurchlauf. Alles hat sich gegen die Schauspieler verschworen. Requisiten, Text, Inszenierung, Bühnentechnik(er) und Besetzung sind der Feind. So wie ein Schmetterling einen Wirbelsturm auslösen soll, reichen hier eine umfallende Vase oder eine verklemmte Tür, um Chaos anzurichten. Andreas Brehme würde in seiner Barmbeker Weisheit mitleidig sagen: „Haste Scheiße am Fuß, haste Scheiße am Fuß.“

Selbst wer absolut humorbefreit ist, wird dabei weich und mürbe bis zur Aufgabe schenkelgeklopft. Diese armen Seelen erkennt man leicht auf den Nebenplätzen im ­Duchess Theatre: Die ersten fünf Minuten sitzen sie noch kerzengerade, die Arme vor der Brust verschränkt. Nach einer halben Stunde: ­bebende, zuckende Körper. Ist das Glucksen oder unterdrücktes Husten? Sie schnappen nach Luft und sacken aufheulend wie ein getretener Hund noch tiefer in den Sitz – vor Lachen.

Chaotisches Finale

Nach dem chaotischen Finale braucht man erst mal ein: Pint. Nicht nur dem Publikum wird körperlich viel abverlangt, auch der Besetzung: „Es ist eine zwei Stunden lange Konzentration auf das perfekte Timing, fast schon ­Artistik“, weiß Flaschka, der auch schmunzelnd zugibt, dass tatsächliche Patzer nicht weiter auffallen würden. Schwieriger sei es mit dem Text. Die deutsche Übersetzung von Martin Riemann wurde im Theater am Hechtplatz angepasst und ins Schwizerdütsche übertragen. „Für unser Gastspiel in Hamburg versuchen wir, es zurück ins Hochdeutsche zu übersetzen.“

Englischer Humor, aus dem Schweizerdeutschen rückübersetzt, in Hamburg. Dass das hervorragend funktionieren kann, hat Flaschka vor drei Jahren im St. Pauli Theater mit dem Musical „Monty Python’s Spamalot“ bewiesen. Und wenn es schiefläuft, gibt es ja dieses Lied, das immer hilft: ­„Always Look On The Bright Side Of Life“.