Hamburg

Ein Kraftwerk wird zum Kunstwerk

Die "Hallo Festspiele" verwandeln in Hammerbrook industrielle Ödnis in eine ästhetische Spielwiese. Ein Café in der Nähe der Bille gibt es jetzt auch

Hamburg.  Da steht man nun also in einer pittoresk zerfallenden Indus­triekulisse und führt eine kleine Choreografie auf. "Ohrenyoga" nennt der belgische Künstler David Helbich das, was er seinem Publikum mit schlitzohrigem Charme nahebringt. Hand ans Ohr, Klopfen auf den Ellenbogen, huch – das, was man hört, ist Musik, ein Techno-Beat. Und so lässt der Künstler tatsächlich eine minimalistische Komposition entstehen, ohne Musiker, ohne Instrumente.

Was ziemlich genau das Konzept der diesjährigen "Hallo Festspiele" beschreibt, die Anfang Oktober im Hammerbrooker Kraftwerk Bille stattfinden: Es geht darum, sich dem Ort auf "sensorische und phänomenologische Art zu nähern", wie Dorothee Halbrock, gemeinsam mit Sérgio Hydalgo und Daniel Dominguez Teruel künstlerische Festspielleiterin, ein wenig umständlich erklärt.

Weniger umständlich heißt das, dass das Publikum gefordert ist, sich einen Ort zu erhören. Mit Installationen, Konzerten, Performances, wie sie David Helbich mit ein paar Journalisten zu Demonstrationszwecken einstudiert. Was gerade dadurch an Reiz gewinnt, weil man es hier mit einem Ort zu tun hat, der dem breiten Publikum noch unbekannt ist.

Das Kraftwerk Bille liegt im urbanen Niemandsland, zwischen Stadtreinigung, S-Bahn-Gleisen und Fluss – ein wuchtiges Backsteinensemble aus inein­ander verschachtelten Gebäuden, die um die Jahrhundertwende als Kohlekraftwerk erbaut wurden. Heute ist nur noch ein kleiner Teil als Umspannwerk in Betrieb, einzelne Räume wurden zu Ateliers und zu Wohnräumen, ein Großteil der Gebäude steht leer.

2011 ging der Komplex an den Immobilienentwickler MIB Coloured Fields, ein Unternehmen, das auch die Leipziger Baumwollspinnerei als Projekt an der Grenze zwischen Kunst und Kommerz unter seinen Fittichen hat. Und das quartierte einen "Verein zur Förderung raumöffnender Kultur" namens "Viele Grüße von" ein, mit halbjährlich kündbarem Vertrag, aber immerhin mietfrei.

Vereinsvorstand Dorothee Halbrock hatte sich damals die Frage gestellt, was der Kultur in der Hansestadt grundsätzlich fehlt, und die Antwort lag auf der Hand: "Räume!" Räume, die es im Kraftwerk Bille bis jetzt noch in ausreichender Menge gibt, auch wenn die heute noch industrielle Gegend im Windschatten von Deichtorhallen und HafenCity bald schon ins Visier von Investoren geraten dürfte.

Seit Sommer 2015 arbeiten Halbrock und Kollegen regelmäßig im Kraftwerk, zunächst mit einem Hoffest, dann im Herbst mit den ersten "Hallo Festspielen", die damals noch auf den Außenbereich beschränkt waren.

2016 fanden die Festspiele erstmals im eigentlichen Kraftwerksbau statt, und mittlerweile wurde das (bis jetzt einmal wöchentlich geöffnete) Café Schaltzentrale gegründet, als "experimentelles Stadtteilbüro", in dem unter anderem Kochkurse angeboten werden oder eine Nähwerkstatt – ein "Ort der Begegnung", der nicht zuletzt die im ansonsten eher öden Umfeld untergebrachten Geflüchteten miteinbezieht.

Das Herz des Kraftwerks schlägt allerdings nicht im Café, sondern in den riesigen, leeren Hallen, auf rund 7000 Quadratmetern Spielwiese, die während der "Hallo Festspiele" zum Kunstort werden. Da ist das Wandlerwerk, ein zeitweilig als Tanzraum genutzter Saal, in den Daniel Dominguez Teruel und andere einen schalltoten Korridor namens "Zero Decibels" gebaut haben, der das sensorische Instrumentarium des Betrachters neu justieren soll. Oder das Zählerwerk, eine rund 60 Meter lange Halle, in der die US-amerikanische Komponistin Ellen Fullmann das von ihr entwickelte "Long String Instrument" spielen wird, ein Kunstwerk zwischen Klangskulptur und Konzert, das spielerisch das Gebäude erforscht. Und in der Kesselhalle sitzt Musikerin LA Twills zwischen Laptop und Effektgeräten und schickt düster grollenden Gothic-Electro in die leeren Räume. Wow.

Bevor im Oktober die eigentlichen Festspiele stattfinden, planen Halbrock und ihre Mitstreiter noch eine Serie eintägiger Veranstaltungen unter dem Label "Hallöchen", um den Kraftwerkskomplex nach und nach tiefer in die Hamburger Kultur-DNA einzuschreiben. Das nächste "Hallöchen" jedenfalls findet schon am 12. August statt, unter anderem mit dem Musiker Frieder Hepting.

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