Oper

Bayreuther Festspiele starten mit starken „Meistersingern“

Am Ende gab es sehr viel Beifall und einige Buhs für die Regie der „Meistersinger 2017“ (hier im Wohnzimmertableau)

Am Ende gab es sehr viel Beifall und einige Buhs für die Regie der „Meistersinger 2017“ (hier im Wohnzimmertableau)

Foto: Bayreuther Festspiele/Enrico Nawrath

Michael Volle ist zu einem Hans Sachs mit unermüdlicher Kondition und Zeichnungsgenauigkeit gereift und gewachsen.

Bayreuth.  So kann und muss man in einer Rolle klingen, wirken, sein. Nur sehr selten lässt sich das ohne Wenns und Abers von Sängerdarstellern behaupten, doch nun haben die Bayreuther Festspiele in ihren neuen „Meistersingern“ zehn Jahre nach der kunterbunt bebilderten Gesellinnen-Arbeit von Hausherrin Katharina Wagner einige Musterbeispiele auf dem Besetzungszettel: Michael Volle, damals noch Beckmesser, ist zu einem Hans Sachs mit unermüdlicher Kondition und Zeichnungsgenauigkeit gereift und gewachsen, dem man alles dankbar abnimmt.

Auch der mit Hamburg eng verbundene Tenor Klaus Florian Vogt, der 2007 als Stolzing auf dem Grünen Hügel debütierte, ist mit seiner weißblonden, heldisch lohengrinenden Unikat­stimme erneut eine Idealbesetzung für die Partie des Meistersinger-Azubis, der das Casting auf der Nürnberger Festwiese und damit das Evchen seines Herzens gewinnt.

Chor von Eberhard Friedrich ist grandios

Als Beckmesser ist Johannes Martin Kränzle ein würdiger Bariton-Sparringpartner für Wolle, Daniel Behle (David) macht sich als supporting tenor, Wiebke Lehmkuhl glänzt in der Nebenrolle als Magdalene. Einzig die auf hohem Niveau schwächelnde, zum Finale hin in der Höhe verhärtete Eva von Anne Schwanewilms (sie sang 2012 die Titelpartie in der Hamburger „Ariadne auf Naxos“) fällt dagegen unüberhörbar ab.

Wie immer grandios: der Festspielchor, zu Höchstleistungen getrimmt von Eberhard Friedrich, hauptberuflich Chordirektor an der Hamburger Oper. Philippe Jordan hatte bei der Premiere im Graben zwar mit der nach Trennschärfe verlangenden „Meistersinger“-Partitur, die nicht für Bayreuths Spezial-Akustik geschrieben wurde, nicht immer Glück, dirigierte aber angenehm unpathetisch, ballastbefreit und elegant flott, reaktionsschnell und konversationsdezent.

Durchleuchten und Durchlüften

Das allein würde eine Pilgertour ins Fränkische mühelos rechtfertigen. Doch „nur“ deswegen dürften nur wenige angereist sein. Denn gegeben wurde die treudeutscheste aller Wagner-Opern, Führers Liebling, mit Massenszenen, die unter dem Festspiel-Patriarchen Wolfgang Wagner unter Butzenscheiben und Renaissance-Kostümen versiegelt und zu Historienschinken verarbeitet wurden. Ausgerechnet dieses Sorgenkind aus der Dynastie des heiligen Richard, das beim Blick auf Beckmesser antisemitisch schielt, wurde im Allerheiligsten der Wagnerverehrung erstmals einem jüdischen, schwulen Regisseur anvertraut, zum Durchleuchten und Durchlüften.

Skandale lagen mal wieder in der Festspiel-Luft, sollte man meinen. Am Ende jedoch, nach sehr viel Beifall und einigen Buhs für die Regie, war klar: Es gab sie nicht. Barrie Kosky, Intendant der Komischen Oper Berlin und für queerdenkende Gratwanderungen bekannt, war mutig genug, sich der Herausforderung zu stellen – und clever genug, um vieles zu hinterfragen. Einige Antworten blieb er schuldig.

Zum Warmwerden wird Seifenoper gegeben

Der erste, überdrehte Kunstgriff: Kosky lässt Wagner frohgemut vor sich hin spinnen. Nicht im Renaissance-Nürnberg verortet er die Geschichte, sondern in Wagners Weltvorstellungen und Wunschorgien. Zum Warmwerden wird Seifenoper gegeben: Wagners als Klimbim-Sippe in ihrem Bayreuther Neurosen-Zuchthaus Wahnfried. Der Clanchef freut sich neckisch über neue Seidentücher und Duftwässerchen, Schwiegervater Liszt mault vor sich hin, Gattin Cosima nimmt ihre Migräne, doch plötzlich entsteigen mehrere Richards dem Salon-Flügel.

In einer ersten entlarvenden Szene legt Kosky bereits das Saatgut des Bösen offen: Wagner zwingt den Kapellmeister und „Parsifal“-Dirigenten Hermann Levi, den er als „Hausjuden“ drangsalierte, beim ersten Choral auf die Knie, richtet den Andersgläubigen ab wie einen seiner Neufundländer, bevor die Familienaufstellung kippt. Wagner wird Sachs, Cosima wird zu Eva, das älteste Richard-Double zu Stolzing. Levi, die schwierigste der Plot-Volten, verwandelt sich in den Stadtschreiber Beckmesser, den notorischen Besserwisser und Schlechtersänger, eine Karikatur von allem, was Wagner verachtete.

Zusammengeschustertes Sing-Spiel

Und als das Wohnzimmer-Tableau im Stück nach hinten verschwindet, deutet die Kulisse an, dass bald Schluss sein wird mit nur operettenlustig, indem sie den Gerichtssaal der Nürnberger Prozesse zeigt. Wagner – und nicht nur er – dürfte nicht hoffen, wegen übel ausufernder Deutschtümelei auf verminderte Schuldfähigkeit plädieren zu können. Das erste von drei starken Schlussbildern.

Das zweite kommt nach viel harmlos zusammengeschustertem Sing-Spiel auf Zeit im zweiten Akt, nach der delikat verabreichten Prügelfuge, wenn der von Wutnürnbergern verdroschene Beckmesser (ein weiteres Zitat einer Katharina-Wagner-Regie-Idee) eine riesige Judenkarikatur als Kopf trägt. Das Gras, das über den Gerichtssaalboden wuchs, ist da schon wieder entfernt. Eine zweite Fratze pumpt sich als großer Ballon auf und fällt danach wieder in sich zusammen. Nur der Davidstern auf der Kippa schwebt noch über dem Bayreuther Bühnenboden. Wenn das der Führer wüsste, denkt man sich unwillkürlich, und: Respekt! Und aber auch: Ist Kosky womöglich mit dem überdeutlichen Überzeichnen dieser Grimasse, die Wagner so gehässig kritzelte, auf einen tausendjährigen Leim gegangen?

Ladung aus der C-Dur-Haubitze trifft direkt

Das Schlussplädoyer der Anklage wird im dritten Akt gehalten, nun endgültig in der Nürnberger Justizarena. Überall sitzen Verkleidete in altdeutschen Gewändern, sie sind Ankläger, Angeklagte, Richter und Verteidiger. Das Wettsing-Finale endet wie im Bilderbuch, in der Kulisse wuselt der Chor, eine toll anzuhörende Mischung aus Dürer-Wimmelbild und Alte-Meister-Persiflage. Bis auch die letzte Spiel-Wiese abgeräumt wird und Hans Wagner-Sachs den berühmt-berüchtigten „Ehret eure deutschen Meister“-Schlussmonolog hält. Als Gesinnungs-Zeitzeuge, der als Beweis der angeblichen Unschuld der einheimischen Tonkunst ein Orchester-Double mitsamt Chor dirigiert. Die letzte Ladung aus der C-Dur-Haubitze „Meistersinger“, sie trifft auf dem Grünen Hügel nicht nur ins Schwarze, sondern auch, nach wie vor schmerzhaft, ins deutsche Braune.

3Sat zeigt morgen, 28. Juli, 20.15 Uhr, den Mitschnitt der „Meistersinger“-Premiere.