Sinnsuche

Philosoph: "Mehr Freiheit zu haben bedeutet Arbeit"

Wilhelm Schmid, Experte in der Kunst der Lebensphilosophie, vor dem
Steigenberger Hotel

Foto: Andreas Laible / HA

Wilhelm Schmid, Experte in der Kunst der Lebensphilosophie, vor dem Steigenberger Hotel

Der Bestseller-Philosoph Wilhelm Schmid spricht mit dem Hamburger Abendblatt über Sinnsuche und Gelassenheit.

Hamburg.  Mit populären Sachbüchern wie "Dem Leben Sinn geben", "Gelassenheit" und "Unglücklich sein – eine Ermutigung" ist der in Berlin lebende Philosoph Wilhelm Schmid (64) Dauergast in den Bestsellerlisten. Gestern war Schmid in Hamburg, um im Rahmen der Reihe "Philosophischer Feierabend" im Museum für Völkerkunde über das Thema Lebenssinn zu diskutieren. Zuvor sprachen wir mit ihm im Hotel Steigenberger über gesellschaftliche Auflösungserscheinungen, die Kraft von Hass und Liebe, Sinn oder Unsinn beim Steineschmeißen und die Fähigkeit, auch in schwierigen Zeiten gelassen zu bleiben.

Hamburg hat während des G20-Gipfels schwere Straßenkrawalle erlebt. "Dem Leben Sinn geben", heißt Ihr Buch. Also die Frage nach dem Sinn: Warum werfen Menschen Steine?

Wilhelm Schmid: Weil sie Sinnlosigkeit spüren. Sie haben nie gelernt, ihrem Leben Sinn zu geben, verlangen das der Gesellschaft ab und irren sich im Jahrhundert. Es gab Zeiten, da wurde den Menschen Sinn auf dem Silbertablett serviert, doch die sind vorbei. Das Kuriose ist ja: Diese Krawalle haben eine enorm systemstabilisierende Wirkung, erreichen also das Gegenteil dessen, was die Krawallmacher beabsichtigen. Überhaupt ist der Eindruck entstanden, dass einige nur auf die Straßenschlachten gewartet haben, weil sie sich wunderbar für einige Interessen nutzen lassen. Linke ebenso wie Rechte, Gewerkschaften ebenso wie Wirtschaftsführer.

Sie schreiben in Ihrem Buch, dass es Momente des Versinkens in einer Tätigkeit gibt, bei denen das gewöhnliche Leben im Fühlen und Denken überschritten wird. Lassen sich unter diesem Aspekt auch die G20-Krawalle betrachten?

Schmid: Ja, denn wer keine Möglichkeit sieht, auf produktive Weise in diesen Flow zu kommen, versucht es vielleicht auf de­struktive Weise. Ich gehe davon aus, dass es nie eine Zeit geben wird, in der das destruktive Potenzial sich erschöpft hat. Die Gesellschaft muss dafür Sorge tragen, dass dieses Potenzial beherrschbar bleibt. Die ideale Gesellschaft mit nur konstruktiven Menschen ist eine Utopie.

Sie schreiben, dass gesellschaftliche Verbundenheit durch Religion, Tradition und allgemeingültige Konventionen zunehmend verschwindet. Ist das der Kern des Pro­blems?

Schmid: Nein, denn vieles, was früher die Gesellschaft bestimmte, beruhte auf Zwang. Ich bin froh, dass wir heute viel mehr Freiheiten haben, aber: Das bedeutet Arbeit, denn wir müssen der Freiheit Formen geben und aus eigenem Antrieb Verbindlichkeiten im Umgang mitein­ander eingehen. Das ist nicht immer einfach.

Bei den Krawallen geht es ja zu einem ­großen Teil um Abgrenzung, um ein Wir gegen Die. Inwiefern kann dies denn als sinnstiftend erlebt werden?

Schmid: Die Krawallmacher fühlen sich bestärkt. Sie wollten wahrgenommen werden und das ist ihnen gelungen. Sie haben große Egos, sind Narzissten. Tatsächlich ist der um sich greifende Narzissmus ein großes gesellschaftliches Problem. Fünf Prozent Narzissten sind okay, die lassen sich beherrschen, aber bei 50 Prozent geht das nicht mehr, und wir sind auf dem Weg dahin.

Wie kommt es, dass die möglichen Konsequenzen, etwa schwere Verletzungen, keine Rolle zu spielen scheinen?

Schmid: Wer zerstören will, der nimmt keine Rücksichten, der würde im Zweifelsfall auch noch sich selbst zerstören. Diesen destruktiven Impuls gibt es eben im Menschen, aber die meisten wenden ihn ins Positive, gehen Beziehungen ein, gründen eine Familie, ergreifen einen Beruf. Manchem ist all das zu anstrengend und zu bürgerlich.

Sie beobachten die gesellschaftlichen Veränderungen schon lange. Welchen Einfluss haben soziale Medien? Tragen sie zur ­Vereinzelung bei? Oder schaffen sie eher Gemeinsamkeit?

Schmid: Soziale Medien dienen in erster Linie der Darstellung des Ichs. Sie tun nichts anderes, als den Narzissmus zu befördern. Das betrifft ja nicht nur die Krawallmacher, sondern auch einige Staatschefs.

Vornehmlich geht es in Ihrem letzten Buch um die sinnstiftende Kraft der Liebe. Kann auch der Hass als Sinnstifter an die Stelle treten?

Schmid: Ja, denn es gibt verschiedene Ebenen der Sinnstiftung. Auf einer dieser Ebenen stiftet alles Sinn, was für Gefühlsaufwallungen sorgt. Das ist natürlich nicht nur die Liebe, sondern auch der Hass. Die Liebe kommt im Alltag häufiger vor, deshalb steht sie so oft im Mittelpunkt der Diskussion.

Am Tag nach den Krawallen trafen sich Tausende im Schanzenviertel, um gemeinsam aufzuräumen. Welche Funktion hatte dieses Treffen aus Ihrer Sicht?

Schmid: Das war eine im besten Sinne bürgerliche Aktion und eine großartige Möglichkeit, Sinn zu erfahren. Die Hamburger haben da ein tolles Beispiel gegeben und gezeigt: Wir wollen Bürger dieser Gesellschaft sein, sind bereit, Verantwortung zu übernehmen. Was in dieser Gesellschaft geschieht, ist uns nicht egal und wir rufen nicht sofort nach dem Staat, sondern nehmen die Dinge selbst in die Hand.

Es gibt also Hoffnung?

Schmid: Natürlich. Und wir müssen auch aufpassen, dass wir die Dinge nicht zu sehr dramatisieren. Als Berliner, der nicht in Hamburg vor Ort war an diesem Wochenende, war ich ganz überrascht, dass das Rathaus, der Hauptbahnhof und die Alster noch da sind. Es entstand nämlich der Eindruck, ganz Hamburg würde in Trümmern liegen. Tatsächlich waren aber nur einige wenige Straßen und Plätze betroffen. Das ist eine mediale Überhöhung, die den Krawallmachern in die Karten spielt.

Sie haben auch über Gelassenheit geschrieben. Fällt es Ihnen, gewissermaßen als Experte also, selbst leicht, angesichts des Weltgeschehens gelassen zu bleiben?

Schmid: Manches macht mich natürlich wütend. Mir geht es aber auch nicht darum, gleichgültig zu sein. Ich möchte mich gleichermaßen über manches aufregen und anderes auf sich beruhen lassen.

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