SH Musik Festival

Anna Depenbusch: Von der Schanze in den Lokschuppen

Die Hamburger Sängerin Anna Depenbusch, hier im gleichen Dress wie in Hamburg bei einem Konzert in Berlin

Die Hamburger Sängerin Anna Depenbusch, hier im gleichen Dress wie in Hamburg bei einem Konzert in Berlin

Foto: picture alliance / Eventpress Hoensch

Während in der Sternschanze erneute Krawalle beginnen, begeisterte die Sängerin in Ohlsdorf beim Schleswig-Holstein Musik Festival.

Hamburg. „Ich freue mich, dass ihr es hierher geschafft habt, ich hatte meine Bedenken“, begrüßt Anna Depenbusch das Publikum bei ihrem Konzert am Sonnabend im ausverkauften Lokschuppen der S-Bahn in Ohlsdorf. Während zeitgleich in der Schanze mit Bier für die nächste Bambule vorgeglüht wird, entfliehen gutbürgerliche 1000 Besucher hier dem Hubschrauber-Gedröhne und Blaulicht-Geflacker in der Innenstadt. Die Hamburger Sängerin war noch am Morgen in ihrem Probenraum im Schanzenviertel, fassungslos und doch erleichtert. Alles heil.

„Hier vorne sind zwei nicht gekommen“, merkt sie und bietet die Plätze an, die gern eingenommen werden. Hartes Monobloc-Plastikgestühl, das den improvisierten, industriellen Charakter des Auftrittsorts unterstreicht. Hinter der Bühne stehen S-Bahn-Züge, aus den Oberlichtern fällt Tageslicht auf Gitter und Streben, und auch die Getränke- und Speisenbüdchen im Betriebshof können nicht verbergen, dass hier hart gearbeitet wird.

Wobei natürlich auch Anna Depenbusch und ihre vierköpfige Band hart arbeiten an diesem Abend im Rahmen des Schleswig-Holstein Musik Festivals, aber das sieht und hört man dem Quartett nie an. Depenbuschs Lieder, „Madame Clicquot“, „Alphabet“, „Immer wenn“ oder „Schönste Melodie“ machen den „Kopf frei“, sind luftig-leichte, den Hall des Ortes ausnutzende Alltagsmärchen mit Wahrheitsgehalt. Chanson, Jazz, Blues, Country und Pop verbinden sich, musikalisch auf hohem Niveau präsentiert.

Wie ein Gespräch mit einer Freundin

So reduziert und minimalistisch Kompositionen wie das ergreifende „Astronaut“ auf der spartanisch geschmückten Bühne – schwarzer Vorhang, ein paar Lämpchen – klingen mögen, die Künstler fahren dafür eine Menge Gerät auf. Depenbusch spielt Klavier, Gitarre, Ukulele und Reco-reco und pfeift „wie Ilse Werner“, wie sie sagt. Schlagzeuger Sönke Reich bedient bei „Was wäre wenn“ eine Schreibmaschine, Oliver Karstens zupft Kontra- und E-Bass, Gitarrist Ulrich Rode präsentiert eine schöne Telecaster-Sammlung und Zweitstimme Anne de Wolff hat ihren halben Hausstand dabei: Cello, Geige, Bratsche, Posaune, Akkordeon und Vibraphon.

Die kleinen Pointen, bei denen sich in „Tim liebt Tina“ auch mal Ungezogenes auf „Genick“ reimen darf, kommen gut an, jubelnd tanzt und klatscht der Saal (oder besser: die Halle) die „Haifischbarpolka“ oder staunt am Ende von „Frauen wie Sterne“: Depenbusch singt zwei Takte lang „Frauen wie Sterne“ in die aufzeichnende Loop-Maschine, variiert gut zehn Mal Tonlage und Ausdruck und schichtet so ihre Stimme zu einer gigantischen, wunderschönen Wall of Voice auf. Mancher eher leise Töne gewohnte Gast zuckt merklich zusammen, ebenso bei den rockigen, von knackigen Gitarrensoli begleiteten Liedern „Engel“ und „Alles über Bord“.

„Ich hab sie so oft verflucht, zu leugnen versucht, gemieden immer mehr, jedes Mal fehlt sie mir, weil ich hier her gehör, ob ich will oder nicht“, singt Depenbusch nach zwei Stunden über ihre „Heimat“. Es ist ein Erlebnis wie ein Gespräch am Tresen mit einer vielleicht etwas zu indiskreten Freundin. Den ganzen Abend schnattert sie über ihre und andere Beziehungen, ihre Höhe- und Tiefpunkte, ist „Glücklich in Berlin“, auch wenn die „Liebe kaputt“ ist. Man selber kommt eigentlich nicht zu Wort, geht aber dennoch mit dem Gefühl nach Hause: Wow, das war ein tolles Gespräch.