Hamburg

Klassik im Boxring

| Lesedauer: 4 Minuten
Verena Fischer-Zernin

Der Wettbewerb Tonali macht mal wieder alles anders und bringt Lyrik und Sakralwerke in die „Ritze“

Hamburg.  Und er bewegt sich doch nicht. Der Schatten in der Ecke gehört einem Boxer aus schwarzem Kunststoff. Immer wieder gehen die Augen unwillkürlich in die Richtung, in der der Mann sich mit erhobenen Fäusten in Position bringt. Noch im Halbdunkeln geht eine irritierende Energie von seiner Haltung aus.

Draußen wird es noch lange hell sein an diesem Sommerabend, aber im Untergeschoss der Ritze herrscht Schummerlicht. Ein bisschen Verunsicherung darf schon sein. Denn das Pu­blikum, wiewohl zumeist fortgeschrittenen Alters, macht nicht den Eindruck, als ob es regelmäßig in diesem berühmt-verruchten Etablissement zu Gast wäre. Geduldig lassen die Leute sich die Stufen hinabschieben, hinein in die Luft, die nach Schuhschrank riecht und nach Jahrzehnten reinster Kiez-Geschichte: nach Boxlegenden und Dramen aus dem Zuhältermilieu, so prototypisch wie der Name des Lokals.

Die Musentempel der Klassik scheinen von diesem Ort Lichtjahre entfernt. Genau deshalb haben Amadeus Templeton und Boris Matchin, die Leiter von Tonali, ihn ausgesucht. Diese Woche spielen in Hamburg elf Geiger beim Tonali-Wettbewerb. Sie wird flankiert von ungewöhnlichen Konzerten wie diesem. Kontraste setzen das Denken in Gang. Deshalb schaut der halb nackte Kunststoffboxer zur Abwechslung aus seiner Ecke mal Sängern über die Schulter. Und lauscht einem Programm, das mit „La Paloma“ oder „Auf der Reeperbahn nachts um halb eins“ nichts, wirklich gar nichts gemein hat. Hier geht es um letzte Dinge, davon spielen, singen und sprechen der Cellist Maciej Kulakowski, Tonali-Preisträger des Jahres 2015, der Harvestehuder Kammerchor unter der Leitung seines scheidenden Leiters Claus Bantzer und der Rezitator Daniel Gerzenberg.

Gerzenberg liest aus dem Gedicht „Stabat Mater Furiosa“ von Jean-Pierre Siméon, das er selbst aus dem Französischen übersetzt hat. Seine Suada ist das Herzstück eines Programms, das so fein gemacht wie erschütternd ist. Barfuß tigert der 26-Jährige über die Matte mit dem aufgedruckten Ritze-Emblem, ja genau, dem mit den gespreizten Damenbeinen, und deklamiert Siméons Anklage gegen den Krieg. Expliziter könnte Lyrik kaum sein. Von „mit der Axt abgetrenntem Kopf eines Neugeborenen“ ist da die Rede oder von der „vom Gewehrlauf zerfetzten Vagina“. Nur der Rhythmus der Sprache und ihre Form bewahren diesen Text vor der Banalität der Pornografie.

Gerzenberg ist für seine Übersetzung preisgekrönt worden. Hinter deren Niveau bleibt sein Vortrag allerdings weit zurück. Man muss einen so krassen Text sicher nicht auch noch dramatisch betonen, aber Gerzenberg fehlt es an Stimmfarben und an Spannung.

Dennoch hören die Menschen, im Stehen und bei fast völliger Abwesenheit von Sauerstoff, mäuschenaufmerksam zu; in der Stille ist selbst das feine Wasserrieseln in den schwarzverkleideten Rohren zu hören. Es ist das Programm selbst, das diese Kraft entfaltet.

Der Harvestehuder Kammerchor singt ein Programm mit Sakralwerken von Sibelius und anderen Skandinaviern, deren Namen nur Chor-Enthusiasten etwas sagen dürften, aber auch von Ligeti – und sogar eine Uraufführung: Bantzer, der als Kantor in St. Johannis Harvestehude das Hamburger Musikleben über Jahrzehnte bereichert und mitgeprägt hat, hat ein „Agnus Dei“ für Chor und Cello beigesteuert. Kulakowski mischt seinen Klang trotz der trockenen Akustik gut mit dem Chorklang ab, und auch seine Solonummern (Bach und Penderecki) fügen sich bruchlos ein in das kunstvolle Ganze.

Die Aufregung um G20 konnten die Organisatoren nicht voraussehen, als sie ihr Programm planten. „Wir pausieren mit unserem Kulturleben aber nicht, nur weil die internationale Politik zufällig vor der Haustüre tagt“, sagt Amadeus Templeton. „Unsere Form des Protestes ist die des Weitermachens, des Reflektierens.“

Der Boxring ist nur eine Zutat zum Programm

Nur – was hat das Ganze mit dem spezifischen Geist des Orts zu tun? Prostitution und Boxen, die ja auch nicht gerade gewaltlos vonstattengehen, mit der tödlichen Gewalt des Krieges? Ob holzschnittartige Kontraste wie männliche Kraftentfaltung gegen weibliches Erleiden weiterhelfen? Wenden wir es doch anders: Das Besondere dieses Konzerts ist die Nähe zwischen Künstler und Publikum. Der Boxring ist da nur eine Zutat. Und als nach dem Ende des Konzerts das Licht angeht, da verliert auch der Mann in der Ecke seine Aura und wird zu einer Schaufensterpuppe.

Tonali noch bis 8. Juli, www.tonali.de