Hamburg

Privattheater feiern – und trotzen den Krisen

Die gelungene Gala zum Festival-Abschluss offenbarte existenzielle Probleme bei einigen und hohe Qualität bei den Gewinner-Stücken

Hamburg. Am Ende ließ Axel Schneider Pfingstrosen ins Parkett der Kammerspiele regnen. Der Hamburger Theaterintendant strahlte, wozu er durchaus allen Grund hatte: Die von ihm zum sechsten Mal organisierten Privattheatertage waren ein voller Erfolg – künstlerisch und auch in Hinblick auf die Publikumsresonanz. Etwa 4000 Zuschauer sind in den vergangenen zwei Wochen in die beteiligten Häuser gegangen, um die zwölf aus ganz Deutschland eingeladenen Gastspiele zu besuchen. Das entspricht einer Auslastung von 85 Prozent, eine für die Privaten notwendige Quote, um über die Runden zu kommen.

Seeler gönnte sich Seitenhieb gegen Staatsbühnen

Christian Seeler, scheidender Ohnsorg-Intendant und Conferencier der abschließenden Festival-Gala, konnte sich in seinen launigen Moderationen eine Spitze gegen die Staatstheater nicht verkneifen: "Thalia-Intendant Joachim Lux erzählt mir immer stolz, dass er 25 Prozent seines Etats eingespielt hat. Mit so einem Ergebnis wären wir Privattheater alle pleite."

Geld und Subventionen waren bei der Gala mit der Verleihung der Monica-Bleibtreu-Preise ein wichtiges Thema mit positiven und negativen Nachrichten. Sichtlich erfreut konnte Schneider in seiner Abschlussrede verkünden, dass die Unterstützung des Bundes jetzt schon für 2018 gesichert sei, und das, obwohl nicht feststehe, wer nach der nächsten Bundestagswahl in Berlin regiere. Aber Rüdiger Kruse, Hamburger CDU-Abgeordneter und in Berlin rühriger Geldbeschaffer für Hamburgs Kultur, hat schon im Vorwege dafür gesorgt, dass auch im kommenden Jahr eine Jury durch ganz Deutschland fahren kann, um die besten Inszenierungen privater Theater für das Festival 2018 auszuwählen. "Er ist der einzige Politiker, der schon vor der Wahl hält, was er verspricht", lobte Schneider.

Weniger optimistisch sind die Aussichten für das kleine Euro Theater Central in Bonn. In der Kategorie "Moderner Klassiker" erhielt es für Michael Meichßners Solo über Heinrich von Kleists Novelle "Michael Kohlhaas" den Monica-Bleibtreu-Preis. Das nur 45 Zuschauer fassende Theater ist von der Schließung bedroht, weil die Stadt Bonn die jährlichen Subventionen von 144.000 Euro nicht mehr aufbringen will. Vielleicht hilft dieser angesehene Preis, dass die negative Entscheidung in Bonn noch einmal hinterfragt wird. In seiner Laudatio nannte Elbphilharmonie-Geschäftsführer Jack Kurfess Stefan Herrmanns Inszenierung, in der Protagonist Meichßner den Text aus einer engen Pferdebox heraus spricht, "ein fulminantes Theatererlebnis".

Auch andere dieser kleinen, aber mutigen und qualitativ herausragenden Bühnen sind in ihrer Existenz bedroht. Das Kölner Theater der Keller, das in Hamburg mit Max Fischs "Biografie: ein Spiel" glänzte, wird im kommenden Jahr seine Spielstätte in Köln verlieren und muss sich ein neues Domizil suchen. Zur Sprache kam auch, dass in München Privattheater nur mit maximal 150.000 Euro im Jahr gefördert werden, unabhängig von ihrer Größe. "Dieses System muss aufgebrochen werden", forderte Axel Schneider. Auch München stellt einen der vier Gewinner dieser Privattheatertage. Das Metro­poltheater erhielt den Bleibtreu-Preis in der Kategorie "Komödie" für "Das Abschiedsdinner", ein Stück von Matthieu Delaporte und Alexandre de la Patel­lière. "Es war ein Fest und ein buntes Spektakel, das alle Facetten des Genres Komödie gezeigt hat", lobte Schauspielerin Sabine Kaack in ihrer Laudatio.

Die weiteren Preise der Privattheatertage gingen an zwei Bühnen, die beide bereits viermal nach Hamburg eingeladen wurden. Die bremer shakespeare company gewann für "King Charles III." bereits zum dritten Mal einen der nach der Hamburger Schauspielerin Monica Bleibtreu benannten Preise. Das in der Tradition der Shakespeare'schen Königsdramen stehende aktuelle Stück von Mike Bartlett hatte in der Inszenierung von Stefan Otteni die Privattheatertage eröffnet. Der Publikumspreis ging nach Singen ans Theater Die Färbe für Jordi Galcerans "Die Grönholm-Methode", bei dem Bewerber für eine Managerposition wie Versuchsratten im Laborkäfig getestet werden.

Zum Gelingen der Gala trugen nicht nur die pointierten Zwischentexte von Christian Seeler bei, sondern auch das musikalische Programm des Duos Cocodello. Dahinter verbergen sich die Hamburger Schauspielerin und Sängerin Cornelia Schirmer und der junge Musiker Delio Malär. In den Intermezzi zwischen den Übergaben der von Bruno Bruni gestalteten Preise sangen sie ausgesprochen witzige, abwechslungsreiche und theater-affine Songs zwischen Country, pathetischem Canzone und großer Oper. Am 23. und 26. Dezember gastieren sie mit ihrem Programm "Auf alten Pfannen lernt man kochen" wieder in den Kammerspielen. Seeler kündigte die Termine an und verkniff sich nicht die Bemerkung: "Gehen Sie an dem Tag nicht in die Elbphilharmonie, kommen sie hier her!" Eine Anspielung auf die Festivaleröffnung, zu der Multi-Intendant Axel Schneider den Zuschauerrückgang einiger Privattheater beklagt und dafür den Run auf die Elbphilharmonie-Konzerte mitverantwortlich gemacht hatte. Laudator Jack Kurfess beschwichtigte. Der Elbphilharmonie-Geschäftsführer glaubt: "Es ist ein Hype, der auch wieder vorbeigeht. Am Ende haben wir alle etwas davon."

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