Hamburg

Im Bucerius Forum: Wo Europa von Israel lernen kann

Hamburg. Ausgerechnet vom konfliktgeschüttelten Israel sollen die Europäer jetzt Zusammenhalt lernen? Vor allem die EU-Konstrukteure und -Profiteure in Deutschland? Das klingt zunächst verblüffend, auch wenn es eine der wichtigsten Intellektuellen des Nahen Ostens sagt, die Historikerin Fania Oz-Salzberger, Tochter des Schriftstellers Amos Oz. Sei auch nur eine Anregung, sagt Oz-Salzberger im Bucerius Kunst Forum bei der Hamburger Dialogreihe „Bridging the Gap“, die Brücken der Verständigung schlägt.

Denn mit dem erhobenen Zeigefinger kommt die kluge Professorin gar nicht erst daher. An der Uni Haifa sieht sie jeden Tag, wie Verständigung zwischen mutmaßlichen Todfeinden funktionieren kann, jüdischen und arabischen Studenten. Und die inneren Feinde Europas scharen sich derzeit um linke wie rechte Populisten im Vereinigten Königreich, Frankreich, Ungarn und – Deutschland.

Zu lange, so Oz-Salzberger, hätten sich die Europäer euphorisiert am Zusammenbruch des Sowjetreiches. Schon in den 90ern habe man in Europa „islamistische, dschihadistische und Tendenzen zu rechtsextremen Vorherrschaftsfantasien“ gespürt.

Im Israel von heute sehe man: Die Mitte der Gesellschaft, die „Normalos“, seien in der Lage, dagegen anzugehen. Und das unter Dauerbeschallung durch Ultraorthodoxe und Islamisten, Landraub und Attentate eingeschlossen. „Israel wird die Demokratie nicht erodieren lassen.“ Oz-Salzberger setzt sich deshalb für einen neuen Blick auf ihre Heimat ein. Junge Europäer, gerade muslimische Zuwanderer, sollen verstehen, dass Israel demokratisch sei, der Zionismus nicht Teufelswerk gewesen sei, sondern „wie eine App auf einem Smartphone, um den Judenstaat einzurichten“.

Auch wenn es sich mal atmosphärisch dezent verspannt zwischen Berlin und Jerusalem – das Grundrauschen ist Harmonie. Aber mit dem schwindenden Vertrauen in Europa bröckelt womöglich auch das Eintreten für Israel. „Und was“, fragt Fania Oz-Salzberger, „kommt eines Tages nach Frau Merkel?“ In Israel wird man die deutsche Bundestagswahl sehr genau verfolgen.