Interview

Dirigent Herbert Blomstedt: „Eitelkeit stinkt!“

| Lesedauer: 7 Minuten
Verena Fischer-Zernin
Herbert Blomstedt hat stets nah am Puls der Zeit gearbeitet, auch in der früheren DDR

Herbert Blomstedt hat stets nah am Puls der Zeit gearbeitet, auch in der früheren DDR

Foto: M. Lengemann

Der Künstler, demnächst 90 Jahre alt, spricht mit dem Abendblatt über die Selbstinszenierung seiner Zunft.

Hamburg.  Herbert Blomstedts Augenbrauen scheinen ein Eigenleben zu führen. Dicht, borstig und weiß, heben sie sich im Rhythmus seiner Sätze, und wenn er sich amüsiert, dann taucht die linke schon mal unter den Rand seiner Brille. Gerade probt er Bruckners Fünfte mit dem NDR Elbphilharmonie Orchester für sein Debüt in der Elbphilharmonie. Die Konzerte sind heute und Sonntag, morgen bekommt Blomstedt den Brahms-Preis der Brahms-Gesellschaft Schleswig-Holstein verliehen.

Seit er in den 90er-Jahren Chefdirigent des ­Orchesters war, kommt er jährlich wieder. Man kennt und mag sich. Blomstedts Anweisungen sind trocken und klar. Ein kurzes crescendo, das gleich wieder abebben soll, erklärt er, indem er die Arme ausbreitet und gleich wieder zusammenfaltet: „Da hat es sich jemand anders überlegt.“ Und genauso klingen die Bratschen dann auch. Von Müdigkeit ist ihm auch nach Proben­ende nichts anzumerken. Kaum zu glauben, aber am 11. Juli wird dieser jünglingshaft agile Mann 90 Jahre alt.

Ist nur ein alter Dirigent ein guter Dirigent?

Herbert Blomstedt: Erfahrung ist in unserem Metier sehr wertvoll. Aber man muss neugierig bleiben. Jedes Mal wenn ich ein Stück einstudiere, ist es für mich wie das erste Mal. Wir bleiben ja nicht dieselben.

Was macht überhaupt einen guten Dirigenten aus?

Blomstedt: Schwer zu sagen! Das ist immer anders. Man muss auf jeden Fall ein guter Musiker sein. Eine gute Schlagtechnik allein hilft nicht. Furtwängler konnte überhaupt nicht schlagen, aber er war ein mirakulöser Künstler. Die Musiker haben gespürt, was er wollte. Man muss ein guter Kommunikator sein. Aber auch das war Furtwängler nicht! Meistens brach er ab und gab nur unwillige Laute von sich. Da brauchte das Orchester ein paar Anläufe, um zu begreifen, was er wollte. – Und Psychologe muss man auch noch sein. Toscanini etwa konnte sich nicht beherrschen. Wenn ihm etwas nicht gefiel, explodierte er und schimpfte auf Italienisch. Das meinte er überhaupt nicht persönlich. Seine musikalische Sensibilität war halt verletzt. Es musste raus, und nach zwei, drei Minuten war es vergessen.

„Ganz ohne Selbstinszenierung kommen Dirigenten kaum aus“, habe ich kürzlich gelesen. Stimmen Sie zu?

Blomstedt: Man muss sich selbst darstellen – in dem Sinne, dass man sich engagiert, sich persönlich hineingibt. Aber der Star bin nicht ich, der Star ist der Komponist. Ein bisschen Theater ist schon dabei. So viel vielleicht (zeigt etwa einen cm Abstand zwischen Daumen und Zeigefinger). Aber wenn Sie Eitelkeit meinen, die ist immer ein Übel. Eitelkeit stinkt!

Was bedeutet Ihnen Macht?

Blomstedt: Macht ist ein gefährliches Wort. (Pause) Ich weiß, dass ich meinen Fuß auf dem Gaspedal eines Maseratis habe! Aber das heißt nicht, dass ich es ausnutze.

Aber wenn Sie etwas gegen Widerstände durchsetzen müssen, Qualitätsmaßstäbe etwa, ist das ja auch Machtausübung.

Blomstedt: Als Chef ist das meine Aufgabe. Etwa, einem Musiker beizubringen, dass er seiner Position nicht mehr gewachsen ist. Das sind schreckliche Momente. Da kann man nur hoffen, den richtigen Ton zu treffen, wenn es den überhaupt gibt.

Zwischen 1996 und 1998 waren Sie Chef des NDR Sinfonieorchesters, wie es damals hieß. In Ihrem Buch „Mission Musik“ sagen Sie: „Das NDR Sinfonieorchester ist in der Probenarbeit nicht ganz einfach.“ Was haben Sie vermisst?

Blomstedt: Jedes Orchester hat seine eigene Persönlichkeit. Bei manchen Orchestern stimmen die Musiker schon vor Probenbeginn ein und sitzen dann neugierig und erwartungsvoll da, was die Probe bringen wird. Das NDR Elbphilharmonie Orchester ist lockerer. Ich glaube, das hat mit seinen Anfängen zu tun. Der erste Chefdirigent Hans Schmidt-Isserstedt war ein unglaublich charismatischer Musiker und sehr leicht und humorvoll im Umgang. Er probte ganz familiär. Und so ist es irgendwie geblieben: Die Musiker sind beim Spielen hochkonzentriert, aber drumherum sehr entspannt. Das gibt es auch anderswo. Beim Concertgebouw in Amsterdam fängt keine Probe pünktlich an!

Diese Woche dirigieren Sie beim NDR Elbphilharmonie Orchester Bruckners Fünfte. Wie viel merken Sie noch von der großen Bruckner-Tradition mit Günter Wand?

Blomstedt: Sie ist immer noch da! Obwohl die Musiker zum großen Teil andere sind. Das ist ein Wunder, wie sich so etwas fortsetzt. Durch Osmose vielleicht?

Der Große Saal der Elbphilharmonie hat für seine Akustik von der Hymne bis zum Totalverriss das gesamte Spektrum mög­licher Bewertungen bekommen. Mit welchem Gefühl gehen Sie dorthin?

Blomstedt: Man muss seinen Ohren trauen. Je besser ein Orchester ist, desto schneller setzt es um, was es hört. Man kann auch in einer schlechten Akustik schönen Klang produzieren, wenn man gelernt hat, die Klangfarben selbst zu machen, weil der Saal einem nichts abnimmt.

Sie haben es zeit Ihrer Karriere fertiggebracht, den Sabbat, wie ihn die Adventisten nennen, zu achten und von Freitagabend bis Samstagabend nicht zu proben. Wenn aber der Intendant gesagt hätte, dann nehme ich doch einen, der mir weniger Schwierigkeiten macht?

Blomstedt: Das ist ein Risiko, das ich für meinen Glauben eingehe. Ich habe oft Engagements abgelehnt. Mein Lehrer Igor Markevitch hat mir einmal vermittelt, das Abschlusskonzert eines Sommerkurses zu dirigieren – nur lag die Generalprobe auf einem Sonnabend. Er schlug mir vor, mir eine Befreiung von einem Priester zu holen. Ich habe ihm entgegnet: „Da hilft kein Priester. Das ist eine Sache zwischen mir und Gott.“ Er war richtig wütend auf mich.

Und die Zukunft, Herr Blomstedt? Welche Pläne haben Sie mit 90 Jahren?

Blomstedt: Ach, die Pläne stehen ja drei Jahre im Voraus fest. Ich weiß, welche Programme ich spiele. Ein Anliegen ist mir die zweite Sinfonie meines Landsmannes Wilhelm Stenhammar. Sie ist sein Hauptwerk, und ich habe sie erst mit 86 Jahren zum ersten Mal dirigiert! Es kam immer etwas dazwischen. Und sonst – als wir Anfang des Jahres mit dem Gewandhaus die Beethoven-Sinfonien fertig eingespielt hatten, da schlug der Intendant vor, als nächstes könnten wir ja alle 104 Haydn-Sinfonien machen. Der Mann hat Humor.

Die Konzerte sind ausverkauft.