Hamburg

Beethoven im Großen Saal – wie frisch komponiert

Vilde Frang, Nicolas Altstaedt und Nicholas Angelich in der Elbphilharmonie

Hamburg. Wow, was für eine Spannung! Beethovens Tripelkonzert schleicht sich zwar auf ganz leisen Sohlen an. Doch die schienen bei den Festival Strings Lucerne förmlich zu glühen. Celli und Bässe strichen wie auf sprichwörtlichen Kohlen und flüsterten den Pianissimo-Beginn mit einer Intensität, die sofort alle Aufmerksamkeit ansaugte. Ohne Dirigenten, aber mit umso feineren Antennen füreinander schufen die Orchestermitglieder ein Klima kammermusikalischer Konzentration, das den großen Saal der Elbphilharmonie bis auf den letzten Platz füllte und auch auf die drei vorzüglichen Solisten ausstrahlte.

Geigerin Vilde Frang, Cellist Nicolas Altstaedt und Pianist Nicholas Angelich spielten mit weit geöffneten Ohren, nahmen die Impulse des Orchesters auf und traten selbst in einen lebendigen Austausch. Sei es bei den Läufen im Finale, wo Beethoven alle drei Stimmen im Staccato so rasant um die Wette trippeln lässt, als hätte er Elfen auf Speed gesetzt, oder bei den heiklen Duettpassagen im ersten Satz. Da schickt der Komponist vor allem Geige und Cello immer wieder alleine aufs Hochseil, ohne Sicherheitsnetz des Orchesters. Obwohl die Solisten auch dort so gar nicht auf Nummer sicher gingen, sondern mit vielen kleinen Temponuancen und Atemzäsuren das Risiko suchten, erzielten eine unfassbare Leichtigkeit und Präzision.

Auch ohne Dirigent kam jeder Einsatz auf den Punkt genau

Durch ihren fein differenzierten Zugriff – der sich in der Akustik der Elbphilharmonie besonders überzeugend und klar realisieren lässt – tauchten sie das Stück in ein ganz neues Licht. In einer weniger inspirierten Aufführung kann man es schon mal für ein schwächeres unter den Meisterwerken halten. Nicht so bei Frang und Co. Die Norwegerin und ihre Kollegen offenbarten den filigranen Charakter des Konzerts und Beethovens Verletzlichkeit. Auch im langsamen Satz, dessen intimen Gesang die beiden Streicher zum Niederknien schön musizierten. Wie ein Herz und eine Seele.

Wenn man sich wirklich zuhört, braucht es keine starren Hierarchien. Das demonstrierten die Festival Strings Lucerne auch nach der Pause, in der achten Sinfonie von Beethoven, die der schlank besetzte Klangkörper wiederum unter der kollegialen Leitung seines Konzertmeisters Daniel Dodds spielte. Auch ohne Taktgeber am Pult wahrte das Orchester die bisweilen maschinenhaft tickenden Tempi der Sinfonie, brachte nahezu jeden Einsatz haarscharf auf den Punkt und setzte mit den Akzenten der Trompeten kleine Stromschläge, in denen die Botschaft des Abends noch einmal kurz und prägnant aufzuckte: Dass Beethovens Musik auch über 200 Jahre nach ihrer Entstehung noch wie frisch komponiert klingen kann.

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