Tiefkühlpizza für Nairobi

Die Arte-Dokumentation „Konzerne als Retter?“ zeigt, wie Entwicklungshilfe in ihr Gegenteil verkehrt wird

Hamburg. Stephan Belzer steht in seiner Lagerhalle in Nairobi und zeigt stolz seine neuen Kühlanlagen. Es sei wichtig, erklärt er, dass die Kühlkette nicht unterbrochen werde von Europa über Mombasa nach Nairobi, sonst sei das Produkt kaputt. Belzer leitet European Foods Africa, eine Firma, die tiefgekühlte Lebensmittel – Pizza, Beeren, Torten – aus Europa in Kenia verkauft, für ein Vielfaches des deutschen Preises. Dafür wird er unterstützt – mit zwei Millionen von einem Fonds für Entwicklungshilfe. Geld, das vor allem europäischen Firmen zugutekommt? Kein Einzelfall, wie die Filmemacher Valentin Thurn und Caroline Nokel in ihrer Dokumentation „Konzerne als Retter?“ zeigen.

Sogenannte öffentlich-private Partnerschaften, bei denen staatliche Entwicklungshelfer mit privaten Firmen zusammenarbeiten, gelten als Wundermittel in der Branche. Konzerne, so geht die Argumentation, hätten unternehmerisches Know-how, von dem die Menschen vor Ort profitierten, brächten Mittel für Investitionen mit, die der öffentlichen Hand fehlten, und erschlössen sich neue Märkte. Sie in die Entwicklungszusammenarbeit einzubinden, sei eine Situation, bei der alle gewännen.

Der Kleinbauer ist abhängiger Kunde der Konzerne

Dass die Realität oft anders aussieht, zeigen Thurn und Nokel in ihrer prä­zise recherchierten Dokumentation. 25 Drehtage haben sie für den 90-minütigen Film in Afrika verbracht, haben Projekte in Kenia, Sambia und Tansania besucht.

Die Bilanz ist ernüchternd: In fast allen Projekten, die die Filmemacher besuchten, profitieren hauptsächlich die Konzerne. So zum Bespiel bei der Potato Initiative Africa (PIA), die das Bundesentwicklungshilfeministerium 2014 startete, in Kooperation unter anderem mit dem multinationalen Bayer-Konzern. Bei der Kartoffelinitiative sollen kenianische Kleinbauern neue europäische Kartoffelsorten anbauen, die sich besonders gut für die Weiterverarbeitung zu Chips und Pommes eignen. Nur: Das Saatgut für die neuen Sorten ist teuer und mit Patenten belegt, die Bauern müssen es jedes Jahr neu erwerben. Und damit die fremden Sorten wachsen, müssen sie mit Dünger und Pestiziden behandelt werden – die kaufen die Bauern dann bei den an der Partnerschaft beteiligten Firmen. Vor allem Kleinbauern am Rande des Existenzminimums müssen sich dafür häufig verschulden.

„Entwicklungshilfe ist zu Wirtschaftsförderung verkommen“, sagt Valentin Thurn, Autor des Films. Wenn Kleinbauern für Projekte im Namen der Entwicklungshilfe von ihrem Land vertrieben würden, dann würden die Ziele der Entwicklungshilfe, nämlich die Beseitigung von Hunger und extremer Armut, in ihr Gegenteil verkehrt.

Dabei wäre eigentlich schon jetzt genug für alle da, erklärt Regisseurin Caroline Nokel: „Es werden genug Nahrungsmittel produziert. Was wir haben, ist ein Verteilungsproblem.“ Ob sich das mit Tiefkühlpizza lösen lässt, ist fraglich.

„Konzerne als Retter? Das Geschäft mit der Entwicklungshilfe“, Di., 20.15 Uhr, Arte