Hamburg

Ein Theatermacher, mit dem man sich beschäftigen sollte

Falk Richters „Electronic City“ lief als Globalisierungsmärchen am Sprechwerk

Hamburg. Sydney, Seattle, Singapur. Sieht alles gleich aus. Die gleichen Rollfelder, die gleichen Lounges, die gleichen Supermärkte, in denen die immer gleichen Angestellten mit leerem Blick Fertiggerichte über den Scanner ziehen. Irgendwann wird man da wahnsinnig. Wie Tom (Christoph Plöhn), der auf einmal nicht mehr weiß, auf welches Meeting er sollte oder wie der Zugangscode für sein Hotelzimmer lautet. „Plötzlicher Powerfail im Gehirn“, stellt der Geschäftsmann fassungslos fest, dann prügelt er sich mit der Supermarkt-Arbeitsbiene Joy (Eugenia Fast), und dann verlieben sich die beiden ineinander. Ein Märchen.

Falk Richter zählt seit Jahren zu den wichtigsten Theaterautoren und Regisseuren im deutschsprachigen Raum. Dabei ist der heute 47-Jährige in seiner Geburtsstadt Hamburg noch ein unbeschriebenes Blatt, wenn man von ein paar frühen Arbeiten Ende der 1990er absieht. Zumindest bis jetzt – ab kommender Saison ist Richter Hausregisseur am Schauspielhaus, seine erste Inszenierung dort wird die Uraufführung von Elfriede Jelineks „Am Königsweg“ Ende Oktober sein. Da passt es, dass die Gruppe Genbu Arts mit „Electronic City“ ein altes Stück Richters wiederentdeckt und am Sprechwerk aufgeführt hat: als Annäherung an einen Theatermacher, mit dem man sich in Zukunft intensiver beschäftigen sollte.

„Electronic City“ zählt nicht zu den besten Arbeiten Richters: Dem 2003 uraufgeführten Stück merkt man sein Alter an, die Handlung ist getragen von einem Globalisierungsgrusel, der schon 14 Jahre später ein wenig altbacken wirkt, die traditionelle dramatische Struktur hat der Autor selbst in den vergangenen Jahren zugunsten einer mehr anekdotischen Arbeitsweise aufgelöst. Regisseur Aron H. Matthiasson macht das Beste aus diesen Beschränkungen und zeigt „Electronic City“ bewusst als „Es war einmal“ – es geht um den Nachbau einer Zukunftsvision von vorgestern. Die folgerichtig durch 80er-Pop strukturiert wird: Falco, Billy Idol und Corey Hart bilden den Soundtrack zu dem, was man sich unter Globalisierungsverwerfungen vorstellte, bevor die Finanzkrise diesen Horror in den Schatten stellte.

Die Inszenierung verlässt so zwar nie ihr Märchengenre, innerhalb dessen funktioniert sie freilich prächtig. „Ich will eine andere Rolle spielen“, fordert Tom an einer Stelle. Aber der klug choreografierte Chor weist ihn zurecht: „Für dich gibt es nur diese eine Rolle. Mehr nicht.“ „Electronic City“ ist ein Spiel, und die Globalisierung sieht 2017 ganz anders aus. Aber reizlos ist dieses Spiel noch lange nicht.