Hamburg

Der grüne Außenseiter

Reinhold Beckmanns Porträt überWinfried Kretschmann beschäftigt sich mit der Existenzfrage einer Partei

Hamburg.  Es gibt bessere Sendeplätze als den Dienstag um 23 Uhr in der ARD. Aber der Zeitpunkt selbst, an dem das neue Politiker-Porträt von Reinhold Beckmann ausgestrahlt wird, ist ideal. Wenige Tage, nachdem die Grünen bundesweit in Umfragen auf nur noch sechs Prozent gefallen sind, läuft im Ersten „Winfried Kretsch-mann – Die Grünen und ihr unbequemer Ministerpräsident“. Eine sehenswerte Dokumentation, in der Beckmann nicht nur dem Landesvater Baden-Württembergs näher kommt, sondern vor allem diesen mehrfach gestellten Fragen: Warum stecken die Grünen vor der Bundestagswahl
eigentlich in einer solchen Krise, obwohl sie einen Kretschmann haben und in elf Ländern mitregieren? Warum tun sie sich so schwer damit, von ihrem ersten und einzigen Ministerpräsidenten zu lernen? Kann doch eigentlich nicht sein, schließlich „finden wir seine Erfolge alle toll“. Sagt der andere große grüne Politiker. Joschka Fischer, ehemaliger Außenminister, thematisiert gegenüber Beckmann, was doch im Rest der Partei auch selbstverständlich sein müsste: „Wenn man schon so einen Erfolg wie mit Kretschmann hat, warum überträgt man das nicht auf den Bund?“ Die Antwort liefert Fischer gleich mit, in dem er mit einem Wort auf die verweist, die mit der Art des Vorzeige-Grünen in Stuttgart offenbar wenig anfangen können: „Bundesgeschäftsstelle.“

Man stelle sich vor, die Partei zöge mit einem wie Kretschmann in den Wahlkampf. Dann hätte Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer wahrscheinlich Recht – er sagt nämlich: „Wir könnten auch auf Bundesebene zu einer Volkspartei werden.“ Doch will die breite Mehrheit der Grünen das? Winfried Kretschmann wollten sie so richtig nie. Der Ministerpräsident aus Baden-Württemberg wird im Film wie ein Unfall grüner Politik gezeigt. Ein Mann, den die Wähler lieben, der in seiner Partei aber immer ein Einzelgänger war. Nie wurde das so deutlich dokumentiert wie 1984, als Kretsch-mann die Politik verließ, weil „die Partei mich demontiert hat“. Inzwischen ist er so stark wie nie – und trotzdem allein. Beckmann porträtiert einen Mann, der bei aller Popularität einsam wirkt, gezeichnet von den Anstrengungen und Ärgernissen des Amtes. Einer, der Sätze sagt wie diesen: „Politik macht keinen Spaß, Politik macht Sinn.“ Oder diesen: „Ich wundere mich oft über meine Energie. Ich bräuchte acht Stunden Schlaf und die kriege ich fast.“

Dass er schon immer ein eher pragmatisch orientierter Politiker war, belegen Bilder des jungen Kretschmann. Der spricht schon 29 Jahre, bevor er Ministerpräsident wird, von Macht, als gäbe es den Widerstand im eigenen Landesverband gegen ihn nicht. Und er beantwortet in allem, was er tut, die Frage, die einmal mehr Joschka Fischer stellt und die sich in Wirklichkeit an die aktuelle Führung der Bundespartei richtet: „Wo haben Grüne denn mehr bewirkt: In der Opposition oder an der Regierung?“

Im Film sitzt Winfried Kretsch-mann dann allein an einem Tisch mit Beckmann, in Stuttgart oder im Garten seines Privathauses. Dass er nie vorgehabt habe, Bundespräsident zu werden, sagt er, dass er sich immer „noch fast jeden Tag ärgere“, auch über sich selbst. Und dass er „selten zu Hause“ sei. Ein Satz, den man am Ende leicht als Zusammenfassung für das Leben eines Politikers empfinden kann, dessen eigene Partei ihm bis heute keine Heimat geworden ist. Der sich bei seinen Auftritten Proteste und Kritik von Parteifreunden anhören muss. Und der keine Kraft und/oder keine Lust mehr hat, dagegen anzugehen.

„Winfried Kretschmann – Die Grünen
und ihr unbequemer Ministerpräsident“
, Di., 23.00 Uhr, Das Erste