Hamburg

"Muckibude für Virtuosen" in der Elbphilharmonie

Der Franzose Cédric Tiberghien eröffnete in Hamburg die neue Reihe "Pianomania"

Hamburg. Fünf Töne rauf und wieder runter, mit dieser Übung beginnen die absoluten Anfänger am Klavier. Dank eines spezifisch französischen Sinns für Ironie begann nun auch die neue, der Klavieretüde gewidmete Reihe "Pianomania" in der Elbphilharmonie mit dieser Elementarübung. Denn Claude Debussy stellte einst den kleinen Skalenausschnitt an den Anfang seiner ersten, dem Etüdenerfinder Carl Czerny gewidmeten Etüde. Und der Pianist Cédric Tiberghien wiederum stellt Debussys Zwölf Etüden an den Anfang seines Recitals am Donnerstag im Kleinen Saal.

Nach diesem Einstieg allerdings ging es schnell zur Sache. Eine "Muckibude für Virtuosen" sei die Etüde, hieß es pointiert im Programmheft. Bei vielen Virtuosen trifft das zu, aber Cédric Tiberghien ist absolut nicht der Typ für Muckibuden. Der feingliedrige Franzose wirkt mit Anfang 40 noch immer etwas musterknabenhaft, seine Interpretationskunst aber ist tatsächlich mustergültig. Tiberghien ist ein Feingeist, das zeigte sich sowohl in der Konzeption wie in der Ausführung seines Programms.

Ein Schönheitsfleck – und sonst alles makellos

Drei Etüdenzyklen von Debussy, Szymanowski und Bartók aus den Kriegsjahren 1915 bis 1918 standen im Zentrum des Abends. Um diese Zeit, das wurde schnell klar, war die Etüde längst kein Übestück mehr, sondern ein Vehikel der Avantgarde. Hier wurden die neusten Rezepte aus der harmonischen Hexenküche erprobt. Die zickigen Rhythmen und die rasende Bewegung dessen, was einmal bloße Fingerfertigkeitsübung war, spiegelten nun eine fiebrig-rastlose Epoche. Bei Szymanowski trug der Tastentaumel Züge des Manischen, bei Bartók wurde die Virtuosität brachial, der todkranke Debussy balancierte auf dem schmalen Grat zwischen Avantgarde und Klassizismus.

Sollte die Bewältigung der horrenden spieltechnischen Herausforderungen Tiberghien Mühe gekostet haben, war davon jedenfalls nichts zu sehen oder zu hören. Viele Noten in kurzer Zeit sind nicht sein Thema. Dafür wurde die penible Sorgfalt, mit der er gerade die leisen und feinen Töne in die Tasten tupfte, umso deutlicher. Tiberghien ist ein Klangfarbenzauberer am Klavier. Bei ihm geht es darum, wie stark eine Mittelstimme aus einem Akkord herausleuchtet, welche Obertöne verstärkt werden, wie der Bass samtig abgedämpft wird.

Ein einziges Mal ließ er, offenbar irritiert von einem Problem beim Notenumblättern, das Pedal eine Spur zu früh los und schnitt so den Nachhall von einem seiner perfekt kalibrierten Akkordkunstwerke vorzeitig ab. Tiberghien wird sich darüber gegrämt haben, aber es war genau dieser Schönheitsfleck, an dem offenbar wurde, wie makellos alles andere an diesem Abend klang.

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