Kultur

Der neue Kommissar, ein Autist

„Lost in Fuseta“ ist ein überaus lesenswerter Portugal-Krimi. Geschrieben hat ihn ein Hamburger Drehbuchautor

Eigentlich sind sie in dem Algarve-Städtchen Fuseta ganz zufrieden. Die Dinge gehen ihren Gang, ganz im gemächlichen portugiesischen Tempo, unter stets brennender Sonne. Auch Graciana Rosado und Carlos Esteves, Inspektoren der örtlichen Polizeistation, haben sich eingerichtet in ihrer Welt aus bescheidener Kriminalität, Bürokratie und kleinstädtischem Einerlei. Bis als Folge eines Europol-Austauschprogramms ein Kriminalkommissar aus Hamburg nach Fuseta kommt, ein Mann Mitte 30, korrekt gekleidet, schwarzer Anzug, weißes Hemd, schwarze Krawatte, regungslos seine Miene. Typisch deutsch, denken seine künftigen Kollegen. Leander Lost, so heißt der Mann.

„Lost in Fuseta“ hat der in Hamburg geborene Drehbuchautor Holger Karsten Schmidt seinen ersten Kriminalroman genannt. Veröffentlicht hat er ihn unter dem Pseudonym Gil Ribeiro – wie es mittlerweile so viele deutsche Autoren machen, wenn sie ihre Kriminalgeschichten in der Fremde platzieren, vorzugsweise in Frankreich, gern aber auch in Portugal.

Holger Karsten Schmidt zählt zu den renommiertesten deutschen Drehbuchautoren. Erst kürzlich wurde der Thriller „Auf kurze Distanz“, zu dem Schmidt die Romanvorlage lieferte und das Drehbuch schrieb, mit der Goldenen Kamera ausgezeichnet. Zudem hat der mittlerweile in Baden-Württemberg lebende Autor für „Das weiße Kaninchen“ und „Mord in Eberswalde“ jeweils den Grimme-Preis erhalten.

Nun also ein Kriminalroman, nun also Portugal. Nun also Leander Lost. Es ist eine seltsam faszinierende Figur, die Schmidt da entworfen hat. Eine Figur wie eine Fassade. Immerhin, denken seine Kollegen Graciana und Carlos, nachdem sie ihn vom Flughafen abgeholt haben, er spricht Portugiesisch. Erstaunlich nur, dass er lediglich drei Wochen benötigte, um die Sprache zu lernen. Alles versteht er, nur keine Witze.

Graciana und Carlos können sich vorerst keinen Reim auf Losts reserviertes Verhalten machen, später erfahren sie: Lost leidet unter dem Asperger-Syndrom, er ist eine Inselbegabung. Eine wie Sofia Helin sie als Saga Norén in der TV-Krimiserie „Die Brücke“ so genial verkörpert. Eine Parallele, die bei Schmidts Fernsehkarriere wenig überrascht.

In Losts erstem Fall geht es um den Mord an einem Privatdetektiv, der offenbar den dubiosen Geschäften eines einheimischen Unternehmers auf der Spur war. Dessen Firma hat vom Staat die Wasserversorgung an der Algarve übernommen – ein über die Maßen einträgliches Geschäft, das in großem Stil, allerdings auch mit unlauteren Mitteln betrieben wird. Für Lost beginnt die Geschichte – gelinde gesagt – ein wenig unglücklich: Bei der versuchten Festnahme des Mörders schießt er seinem Kollegen Carlos ins Bein. Mit Absicht, aus Kalkül. Es gibt geeignetere Methoden, um sich bei neuen Kollegen einen Sympathiebonus zu verschaffen …

Holger Karsten Schmidt erzählt seine Kriminalgeschichte mit viel Sinn für psychologische Details, mit einem genauen Gespür für Spannung und Dramaturgie. Durch den Kunstgriff, einen deutschen Kommissar ins südliche Portugal zu verpflanzen, vermag er mit jeweils landestypischen Klischees zu spielen. Herausgekommen ist dabei eine höchst lesenswerte, in sich schlüssige Geschichte. Die noch längst nicht zu Ende ist: In naher Zukunft soll der zweite Fall für Leander Lost erscheinen. Schmidt schreibt schon daran.

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