Neues Buch

Die besten Abendblatt-Glossen von Thomas Frankenfeld

Ihm fällt zu den
meisten Themen
etwas ein, das
gehaltvoll und
witzig zugleich ist:
Thomas
Frankenfeld

Ihm fällt zu den meisten Themen etwas ein, das gehaltvoll und witzig zugleich ist: Thomas Frankenfeld

Foto: Andreas Laible / HA

Seine Texte gehörten zu den meistgelesenen im Hamburger Abendblatt. Jetzt ist unser Chefautor in den Ruhestand gegangen.

Liebe Leserinnen und Leser,

Chefredakteure wollen wissen, auf welche wiederkehrende Rubriken ihres Blattes sich ihre Stammleser besonders freuen, und so haben auch wir einmal bei einer Veranstaltung mit Abonnenten des Hamburger Abendblatts gefragt, wie ihnen die Fußkästen auf der Titelseite gefallen würden. Zunächst war es ruhig, niemand meldete sich. Offensichtlich konnte keiner etwas mit dem Begriff Fußkasten anfangen – bis, ja bis einer der Anwesenden fast schüchtern sagte: „ Meinen Sie diese witzigen Texte, die Thomas Frankenfeld immer schreibt? Die finde ich super!“

Nun, Thomas Frankenfeld hat die „ witzigen Texte“ auf dem Fuß, das heißt im unteren Teil unserer Titelseite, nicht immer geschrieben. Aber sehr oft stammten die Glossen an dieser besonderen Stelle von ihm, und besonders lustig waren sie immer. Liegt es an seinem prominenten Vater, Peter Frankenfeld? An seinem schier unerschöpflichen Allgemeinwissen? Oder schlicht an der Tatsache, dass ihm zu den meisten Themen immer etwas einfiel und einfällt, das gehaltvoll und witzig zugleich ist? Selbst ich als sein letzter Chefredakteur weiß es nicht wirklich.

Was ich aber weiß, ist, dass es sich immer lohnt, einen Frankenfeld zu lesen. In Japan gibt es die Tradition des Kopfkissenbuchs, einer Art Notizbuch, in das man das einträgt, was man sonst nur seinem Kopfkissen anvertrauen würde. Thomas Frankenfeld hat solche Heimlichkeiten nicht nötig: Das Material, das seinen Texten zugrunde liegt, spülte ihm der stete Fluss aus Nachrichten, kuriosen Meldungen und allerlei Lesefrüchten auf den Tisch. Dann brauchte es nur noch den exzellenten Schreiber, der daraus die eine kleine runde Geschichte macht. Die besten dieser Geschichten finden Sie hier. Ihr Lars Haider

Rettung für den deutschen Dackel

Der deutsche Dackel! Ein Monument teutonischer Treue und Trutzigkeit. Halb so hoch wie ein Hund, aber doppelt so lang. Kann bei fünf Kindern gleichzeitig auf dem Schoß sitzen. Seine Erscheinung wird von Züchtern als „kompakt und muskulös“ gewürdigt, „mit herausfordernder Haltung des Kopfes“. Eine Art Sylvester Stallone mit Schlappohren also. Blasphemische Geister sprechen von einer „Wurst auf Beinen“.

Kaiser Wilhelm II., der zwar selber keine kurzen Beine, aber immerhin einen kurzen Arm hatte, bereitete seinem kaisertreuen Dackel Erdmann in Kassel gar ein würdiges Grabmal. Und ausgerechnet dieser Charakterkopf, Angehöriger einer der ältesten deutschen Hunderassen, drohte noch vor wenigen Jahren, vor die Hunde zu gehen. Nur noch mickrige 7300 Welpen hatten 2005 das Licht der Welt erblickt, im deutschen Olympiajahr 1972 waren es noch 28.000 Kleinkläffer. Stirbt der Dackel aus?, gellte es durch die Presse.

Das kommt davon, wenn sich Herrchen und Hund zu sehr miteinander identifizieren. Erst hat der deutsche Mann keinen Bock mehr auf Nachwuchs, dann stellt auch Waldi seine Bemühungen ein. Nun sterben ja täglich 130 Tier- und Pflanzenarten aus; wir vermissen bereits schmerzlich den Sardischen Pfeifhasen und den Knolligen Neuseeland-Rüsselkäfer. Aber der Dachshund ist besonders unverzichtbar. Gezüchtet, um in Fuchslöcher zu passen, eignet sich das tiefergelegte Tier auch gut für heutige Sozialwohnungen.

Und es ist eine höchst wandelbare Rasse: Es gibt den Dackel in einer Lang-, Kurzund Rauhaar- Version – etwa so wie Britney Spears. „ Lumpi“ ist überdies der Inbegriff bürgerlicher Lebensart: keine Staus, keine Hektik, kein anderes Tier. VomSchäferhundmal abgesehen. Die Mode hatte ein Einsehen und kam auf den Dachshund zurück, ihm blieb es erspart, nur noch in Wackel- Form auf der Hutablage vorzukommen.

Ohne ihn geht’s eben nicht. Auch Heidi Klum hat nun einen kurzbeinigen Begleiter namens „Victor“. Gut so! Der relativ bekannte Physiker Albert Einstein erklärte übrigens einst einem leicht minderbegabten Studenten so die drahtlose Telegrafie: „ Stellen Sie sich einen Dackel vor, der von London bis New York reicht. Wenn Sie ihn in London in den Schwanz kneifen, jault er in New York. Drahtlose Telegrafie ist genauso – nur ohne Dackel.“

Hoch die Taschen

Zu den großen ungelösten Rätseln unserer Zeit gehören Atlantis, die weltenverschlingenden schwarzen Löcher im All und der Inhalt von Frauenhandtaschen. Frauen betrachten diese Behältnisse weniger als bloßes Transportmittel für Utensilien aller Art, sondern als eine Art Verlängerung ihrer Arme, die die Natur nachlässigerweise vergaß. Bei der Wahl ihrer Tasche legen Frauen nicht selten größere Sorgfalt an den Tag als bei der Auswahl ihrer männlichen Gefährten.

Und noch mehr als für Letztere gilt die eiserne Regel, eine Handtasche niemals an eine andere Frau zu verleihen. Manche Taschen können es im Fassungsvermögen leicht mit einem Umzugswagen aufnehmen; ihre Besitzerinnen scheinen es nicht anzufechten, dass sie unter der Last krumm daherkommen wie Quasimodo. Handtaschen sind mobile Lebensräume; oft können Frauenwohnungen getrost unverschlossen bleiben, weil sich alles von Wert eh in der Tasche befindet.

Für alle denkbaren Anlässe hält Frau Modelle in unterschiedlichen Abmessungen und Fassungsvermögen vorrätig; es gelten dabei Faustregeln wie: In der kalten Jahreszeit/ ist die Tasche eher breit. Eine Frauenzeitschrift förderte die Tatsache zutage, dass Frauen rund 76 Tage ihres Lebens in der Handtasche kramen. Jedem Mann ist die Situation an der Kantinenkasse bekannt: Die Frau wird vollkommen überrascht von der Forderung, das Essen bezahlen zu müssen, nimmt ihre Handtasche von der Schulter und verschwindet bis zur Hüfte darin, um das winzige Portemonnaie darin zu suchen.

Bis sie bezahlt hat, ist das Ende der Schlange außer Sichtweite. Jetzt ist es so weit: Für die erste internationale Handtaschen-Studie wurden Frauen aus 17 Ländern befragt. Ergebnis: 95 Prozent der Frauen in den Industriestaaten besitzen durchschnittlich zwischen zwei und 20 Taschen. Italienerinnen aber nennen bis zu 60 Taschen ihr Eigen. Damit wäre auch die bange Frage beantwortet, wohin Italiens Milliarden verschwunden sind. Und dann war da noch der Mann, der beklagte, dass ihm keine Frauen mehr nachliefen: „Seitdem ich keine Handtaschen mehr klaue.“

Monopoly auf Samtpfoten

Die Katze, so schrieb der Londoner „Daily Telegraph“, sei bekanntlich das nutzloseste Tier der Welt – ein kleiner, bepelzter, wärmesuchender Verdauungstrakt, der gut 16 Stunden am Tag schlafe. Und der gerade dabei sei, die Welt zu übernehmen. Katzen, so viel ist richtig, haben Hunde, Hamster, Sittiche und andere minderqualifizierte Konkurrenz an Beliebtheit weit hinter sich gelassen. Obwohl sie immer direkt hinter einem stehen, wenn man mit dem großen Topf voll heißer Fischsuppe vom Herd zurücktritt. Und 16 Stunden Schlaf sind unter dem Aspekt einer guten Work-life-Balance als motivatorisches Innehalten zu verstehen.

Sigmund Freud, der mit dem Thema Entspannung auf der Couch vertraut war, hat angemerkt, mit Katzen verbrachte Zeit sei niemals verschwendet. Zu Zeiten der Pharaonen wurden die kleinen Raubsäuger als Götter verehrt. Damals haben sie die Kornkammern frei von Mäusen gehalten. 4000 Jahre später bringen sie die Mäuse gern ins Haus, um ihren zweibeinigen Angestellten ein wenig Abwechslung zu verschaffen.

Ein Indiz für die unaufhaltsame Dominanz der Katze ist auch der Umstand, dass im Zocker- Spiel „Monopoly“ – mit dem selbst Banker und Fußballclubpräsidenten gelegentlich für den Ernst des Lebens üben – das reputierliche Bügeleisen nach fast 80 Jahren als Spielfigur ersetzt wird. Durch eine Katze, natürlich. Nun können die meisten Katzen zwar nicht bügeln, aber sie sind dafür in der Lage, einer Seidenbluse im Handumdrehen einen reizvollen Flokati-Look zu verpassen. Zwei von ihnen gelten sogar als heimliche Herrscher des Internets: die beleibte Maru sowie Grumpy Cat, ein notorisch mies gelauntes Katzentier mit herabgezogenen Merkel-Mundwinkeln.

Marus YouTube-Kanal wurde sofort fast 200 Millionen Mal angeklickt. Zum Vergleich: Die Homepage des Weißen Hauses hat kaum die Hälfte an Klicks. Die Menschheit ließe sich grob in zwei Gruppen einteilen, hat der Dichter Petrarca im 14. Jahrhundert völlig zu Recht geschrieben: in Katzenliebhaber und vom Leben Benachteiligte.

Der politisch unkorrekte Vogel

Das Wort Doppelschnepfe hat etwas Uncharmantes; es könnte in einem eruptiven Streit zwischen zwei Frauen gefallen sein, von denen mindestens eine einen Nachnamen mit Bindestrich trägt. Tatsächlich jedoch ist die Doppelschnepfe ein reputierlicher Vogel aus der Ordnung der Regenpfeiferartigen, der sich von vielen Frauen schon dadurch unterscheidet, dass er sich meist völlig stumm verhält.

Auch das Wort Zimtelfe klingt irgendwie diskriminierend, wenn auch schon wesentlich freundlicher; notfalls könnte eine damit bedachte Frau wohl damit leben. Wohingegen ein Mann sicher ungern Stachelbürzler oder Fettschwalm genannt werden möchte. All dies sind ebenfalls Vögel der heimischen Fauna. Die Ornithologen in Schweden plagen sich in Sachen Vogelnamen derweil sogar mit einem ernsten Problem der Political Correctness herum: Einige der im hohen Norden ansässigen gefiederten Freunde waren bislang mit gesellschaftspolitisch unfreundlichen Etiketten versehen.

So zogen Kaffernsegler, Zigeunervögel und Negerfinken ihre Kreise am Himmel Schwedens, ohne zu ahnen, was sie damit anrichteten. Vor zwei Jahren hatte bereits Nachbar Norwegen sein Vogelreich sprachlich bereinigt. Nun folgte Schweden – und taufte den Kaffernsegler vorsichtshalber in Weißbeckensegler um, damit Bürger mit afrikanischem Migrationshintergrund keinen Schaden nehmen. Ob es dem Tier gefällt, künftig einen Namen wie ein Sanitärartikel zu tragen, ist nicht bekannt. Insgesamt 4000 der mehr als 10.000 Spezies werden von der Ornithologischen Gesellschaft „angepasst“. Feiglinge!, keifen viele Schweden, denen die alten Namen lieb sind.

Auch in Großbritannien gäbe es durchaus Umtaufbedarf. Zum Beispiel heißen die schlichten Kohlmeisen auf der Insel Great Tits, was bedenklich unornithologische Assoziationen nach sich ziehen kann. Dänemark und Deutschland denken ebenfalls über eine Umetikettierung nach. Noch aber heißt Schwedens schöner neuer Weißbeckensegler bei uns weiterhin: Kaffernsegler.

Ich hab es getragen sieben Jahr

Wenn Sie jemand mit abschätzigem Gesichtsausdruck fragt, ob Sie ein original Douglas-Hemd tragen, dann wissen Sie dreierlei: Ihr Gegenüber ist humanistisch gebildet, arglistig, und Sie brauchen einen Satz neue Oberbekleidung. Zur Erinnerung: Theodor Fontanes unsterbliches Gedicht „Archibald Douglas“ beginnt mit der Zeile: „ Ich hab’ es getragen sieben Jahr ...“ Wie Sie erfahren werden, zählt der Erwerb von ein paar neuen Hemden zu den letzten großen Abenteuern unserer Zeit.

Für Ihr Geld bekommen Sie neben einer modischen Hülle viele Stunden Bastelarbeit, zwei volle Mülleimer und eine Akupunktur. So ein Qualitätshemd präsentiert sich eingeschweißt in eine Folie, die, ähnlich einer schusssicheren Weste, zunächst allen Angriffen Ihrerseits widersteht. Sind Sie erst einmal mit scharfem Schneidegerät bis zum Hemd vorgedrungen, beginnt die eigentliche Arbeit.

Das Bekleidungsstück ist nämlich werksseitig versehen mit einer Vielzahl an stabilisierenden Elementen, die für eine solide Statik des Objekts im Verkaufsständer sorgen sollen. Während Sie aus Kragen, Rücken und Ärmeln Plastik, Metall oder Pappe entfernen, wird Ihr neues Hemd immer schlapper und Ihr Mülleimer immer voller. Der Autor dieser Zeilen operierte aus einem Qualitätshemd heraus: zwei Kunststofffolien, zwei Stücke Pappe, ein Bogen Seidenpapier, eine Plastikklammer, drei Metallklammern, fünf Nadeln, ein Briefchen mit Pflegehinweisen und zwei Pappanhänger mit Barcodes.

Letztere waren mit hochzähen Kunststofffäden an das Hemd gefesselt, wie man sie auch zur Ruhigstellung renitenter Serienmörder verwenden kann. Doch mit einer gehärteten Drahtschere aus dem Baumarkt löste sich auch dieses Problem. Ein paar neue Hemden sind wie eine Tüte Walnüsse: Hinterher häuft sich viel mehr auf dem Tisch als vorher. Und beim ersten Anziehen kommt der Clou, den vor allem die Fakire und Masochisten unter den Hemdenkunden so schätzen: Ein scharfer Piks in der Lendengegend weist auf den Standort der letzten, nie aufgespürten Nadel hin.