Hamburg

Vor Bach hat Nigel Kennedy hörbar Respekt

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Ilja Stephan

Seine Fans lieben den Geiger für Klamauk, wildes Entertainment – und musikalisches Können

Hamburg. Entwarnung für alle Bach-Fans. „Bach meets the World“, heißt das neue Programm von Nigel Kennedy, mit dem der Violinen-Punk am Sonnabend im Großen Saal der Laeisz­halle gastierte. Wer sich an das Gemetzel erinnert, das Kennedy vor einem Jahr unter den Violinkonzerten von Vivaldi angerichtet hat, der musste für Bachs Musik nun das Schlimmste befürchten. Doch es kam anders. Vor Bach hat das ewige Enfant terrible, das Ende Dezember seinen 60. Geburtstag feierte, hörbar Respekt.

Auch Bachs Sonate E-Dur BWV 1016 arrangierte Kennedy für Orchester und Rhythmus-Sektion. Er nimmt sich seine Freiheiten mit dieser Musik, aber er tritt ihr nie zu nahe. Im besten Fall ist Kennedys Umgang mit den Solowerken des Altmeisters spielerisch. Dann lässt er mittendrin mal kurz die „Kleine Nachtmusik“ oder das Gitarren-Riff von ­„Smoke On The Water“ anklingen. Das tut nicht weh, und der Lacherfolg ist ihm sicher. Im schlimmsten Fall bleibt sein Zugriff auf Bach hemdsärmelig. Was die Intonation und das Zusammenspiel der Russischen Kammerphilharmonie St. Petersburg angeht, war vieles – nach klassischen Maßstäben – nicht satisfaktionsfähig.

Kennedy-Fans versichern im Pausenstreitgespräch, dass sie die Wildheit und Spontaneität, die solche Ruppig­keiten ausstrahlen sollen, mehr schätzen würden, als „sterile Perfektion“. Aber am besten war Kennedy an diesem Abend nach Meinung des Rezensenten dort, wo er ganz er selber sein durfte: bei der Musik seiner Eigenkompositionen „Dedications“. Hier stellte sich vor allem im Zusammenspiel mit seiner Band von selbst ein, was Kennedy in klassischer Musik mit Clownerie und der Brechstange zu erzwingen versucht: der Eindruck freien, spontanen und lustvollen Musikmachens.

Brutaler Metzger für Meisterwerke oder technisch versierter und emotionstrunkener Geiger, Kennedy kann beides sein. Er bestreitet einen Großteil seiner Show mit albernem Klamauk, der längst zur Pose geworden ist, aber wenn es läuft, ist er ein begnadeter Entertainer. Wahrscheinlich gehören diese Seiten bei ihm einfach zusammen. Eines erreicht Nigel Kennedy auf diese Art aber immer wieder. Mitten in dem ganzen Zirkus schafft er Momente der Stille, in denen er einen ganzen Saal mit einem Adagio von Bach in seinen Bann schlagen kann.