Swetlana Alexijewitsch

Literaturnobelpreisträgerin: „Wir müssen wachsam sein“

Literaturnobelpreisträgerin Swetlana
Alexijewitsch

Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch

Foto: Christian Charisius / dpa

Die Autorin appellierte in der Freien Akademie der Künste an die Demokratie und ihre Widerstandskraft.

Hamburg.  Es war ein eindringlicher Abend in der Freien Akademie der Künste, an dem Stargast Swetlana Alexijewitsch klare Worte nicht scheute. Eigentlich war die Literaturnobelpreisträgerin nach Hamburg gekommen, um auf Einladung der „Erneuerbaren Lesetage“ über Tschernobyl und die Katas­trophen zu sprechen, die die Kernkraft bereits heraufbeschworen hat. Dann aber streifte die 68-Jährige in ihrem Vortrag, in dem sie mahnte, warnte und appellierte, auch die anderen Themen, mit denen sie sich in den vergangenen Jahrzehnten beschäftigt hat.

Und das sind Themen, die derzeit den Westen notgedrungen umtreiben: Es ging in den mäandernden und den etlichen Hundert Zuhörern simultan übersetzten Sätzen der Weißrussin viel um den „roten Menschen“ und den politischen Typus des autokratischen Demokratiefeindes, der in der Gestalt eines Wladimir Putin schon länger und in der des Donald Trump seit kurzer Zeit sein Unwesen treibt. Heute zeigten sich besonders jüngere Russen mit Stalin-Fotos auf T-Shirts, erzählte Alexijewitsch.

Hinwendung zur Vergangenheit

Eine Hinwendung zur Vergangenheit also und zu Projektionen, die Putin heute so heftig bedient. Alexijewitsch sieht auch in den „mittelalterlichen Hassgefühlen“, mit denen in ihrer Heimat dem Thema Migration begegnet werde, Indizien einer überholt geglaubten totalitären Gesellschaft. „Wir müssen wachsam sein“, sagte Alexijewitsch und meinte damit alle, die den Anspruch erheben, in einer liberalen, demokratischen Welt zu leben.

Einen gewissen Pessimismus verhehlte sie nicht: „Die Demokratie ist auf dem Rückzug, überall, wir spüren ihre Niederlagen.“ Gleichzeitig betonte Alexijewitsch, dass Fortschritt und Technologie, dass der rationale Mensch nicht die Deutungshoheit haben dürften – „nur mit humanistischen Ansätzen kann man die Welt im Griff halten“. Zum Thema „Fake News“ sagte sie: „Auch sie sind ein Ausfluss menschlicher Kultur, und der Mensch kann sich nicht immer wehren gegen die Falschheit in der Welt, manchmal will er aber auch belogen werden.“