Literatur

Das Buch, das Hamburgs neuer Kultursenator liest

Der neue Kultursenator Carsten Brosda

Der neue Kultursenator Carsten Brosda

Foto: Roland Magunia / HA

„Rückkehr nach Reims“ gilt als Text der Stunde. Auch auf Carsten Brosdas Nachttisch liegt das Werk derzeit.

Hamburg.  Bereits im Mai vergangenen Jahres ist bei Suhrkamp ein kleines Büchlein erschienen, das seitdem zwölf Auflagen erlebt hat. Wer hätte dieses „Rückkehr nach Reims“ betitelte Werk des Autors Didier Eribon vorher auf der Rechnung gehabt? Eine rhetorische Frage – wohl die wenigsten. Weil man im Nachhinein immer schlauer ist, scheint die Anziehungskraft des Stoffes und wie er behandelt wird, aber mittlerweile offensichtlich. Auch Hamburgs neuer Kultursenator Carsten Brosda (SPD) liest „Rückkehr nach Reims“ derzeit, wie er kürzlich im Abendblatt-Interview erzählte.

Um was geht es in dem Buch, das eine eigenwillige Mischung aus Roman und wissenschaftlicher Untersuchung ist? Die romanhaften Passagen beschäftigen sich mit der Herkunftswelt des Didier Eribon, geboren 1953 in Reims, der in Frankreich ein Starintellektueller ist. Die analytischen Teile nähern sich jener Herkunftswelt von einer anderen, unpersönlichen Seite: Sie handeln thesenstark von der elitären, wenig durchlässigen Gesellschaft Frankreichs und den mangelnden Aufstiegschancen der Abkömmlinge der Arbeiterklasse.

Immer wieder die Pein

Eribon beschreibt, wie er nach dem Tod seines Vaters erstmals seit Jahrzehnten zu seiner Familie in den Nordosten reist. Mit der brach er, der ehrgeizige, schwule Mann mit den literarischen Interessen, früh. Über seine Homosexualität und wie sie ihn prägte, hat Eribon bereits mehrere Bücher veröffentlicht. Nun interessiert ihn anderes, nämlich wie er, der Überzeugungslinke, sich so weit von seinem Milieu entfernen konnte. Und dieses sich so weit von ihm.

Eribon, dessen Persönlichkeit sich schlüssig vor dem Leser entblättert, spricht immer wieder von der Pein, die ihm, dem Mann aus kleinen Verhältnissen, seine Herkunft bereitete. Er ist in seinen jüngeren Jahren gerne bereit, sie zu leugnen. Eribon scheut sich nicht, in der Ablehnung seiner Familie unsympathisch zu wirken. Sein Buch ist ein Zeugnis sowohl der Selbstbefreiung als auch des unbedingten Aufstiegswillens, und als Soziologieprofessor gehört er unbedingt zum Establishment. Was für jemanden aus der Arbeiterschicht ein bemerkenswerter Erfolg ist. Eribons Text ist ein bissiges Fanal gegen die Vorherbestimmung von Biografien durch die Herkunft.

Ins Herz der Gegenwart

Und er trifft, Stichwort Establishment, mitten ins Herz der Gegenwart. Seine „Rückkehr nach Reims“ ist eine ins Front-National-Land. Seine Familie, früher eingeschworen kommunistisch, wählt mittlerweile Le Pen. Was Eribon nun über das Versagen der Linken und die Relativität der Bindung bestimmter Milieus an bestimmte Parteien sagt, mag genauso wenig neu sein wie seine beinah triviale Feststellung, dass niemand seinen frühen Prägungen entkommt.

„Das, wovon man losgerissen wurde oder sich losreißen wollte, bleibt ein Bauteil dessen, was man ist“, sagt ­Eribon. Was dieses kluge Buch lesenswert macht, ist der verführerische Mix von Autobiografie und soziologischem Essay. Und Eribons Stil, der geschmeidig ist, selbst in den Sätzen auf hohem Abstraktionsniveau.