Hamburg

Das erste „Konzert für Hamburg“

In der Elbphilharmonie warfen das NDR-Orchester, Geigerin Patricia Kopatchinskaja und Cellist Nicolas Altstaedt „Klassik-Köder“ aus

Hamburg.  Als NDR-Chefdirigent hat Thomas Hengelbrock gerade den tollsten und den härtesten Job der internationalen Klassik-Branche: Er kann sein Orchester im spektakulärsten Konzertsaal des 21. Jahrhunderts als ­Visitenkarte der Musikstadt Hamburg komplett neu erfinden; jedes Konzert dieser Spielzeit ist ausverkauft, in der nächsten Saison dürfte sich das nicht groß ändern. Verschiebt man allerdings die Perspektive minimal und ersetzt das „kann“ durch ein „muss“, wird klar, wie hoch der Druck ist. Bereits jetzt. Und dass er im Rampenlicht auf dem Prüfstand Großer Saal Elbphilharmonie so schnell nicht wieder abfallen wird.

Dazu kommt: In den letzten drei Wochen, die seit der Eröffnung wie im Flug vergingen, hat Hengelbrock mit seinem Orchester unter Überdruck so viel Unterschiedliches geprobt, so viel justiert und gespielt wie vielleicht noch nie zuvor in dessen Geschichte. Jetzt ­also, nach dem Ende des Auftakt-Festivals, folgten am Dienstag gleich zwei Auftritte hintereinander, die ersten einstündigen, pausenlosen „Konzerte für Hamburg“, mit populärem Programm und nahbaren Solisten. Keine Atempause, Geschichte wird verlangt.

Einige der Besucher, die an diesem Abend staunend, fast ungläubig den Großen Saal betraten, haben vielleicht noch nicht allzu viele Klassik-Konzerte erlebt. Insbesondere für sie wurde dieses Format entworfen, als handlicher, appetitlicher Köder zu extrem günstigen Preisen (6 bis 18 Euro). Nun erlebten sie dort eine Programmmischung, die hielt, was versprochen und von Hengelbrock mit ­robuster Entertainer-Fröhlichkeit als „Blockbuster der klassischen Musik“ angekündigt wurde.

Dass es dann mit Smetanas „Moldau“ losging, war ein schöner Zufall. ­Alles im Fluss in dieser Musik, alles strebt von einer kleinen Quelle in die große Welt. Die ersten Einsätze der Flöten und Klarinetten, noch hauchzart und wie mit der Pipette dosiert, danach das sanfte, immer stärker werdende Strömungs-Blubbern im Tutti. Musik wie eine Urlaubs-Postkarte, deren Wirkung man schon erzielt, wenn man sie nur von sich erzählen lässt.

Zum Abbau von unnötigem Respekt ist kaum eine Virtuosin besser geeignet als Patricia Kopatchinskaja, ein Temperamentsbündel, für die Ravels „Tzi­gane“ genau das richtige Repertoire für einen solchen Anlass ist. In der einleitenden Kadenz tobte sie sich hinreißend aus, glühte sich heiß für die flott ­heruntergefegten Soli, die noch kommen sollten und die sie mit musikantischem Spaß auf der Bühne herumtollen ließ wie ein verspieltes Kätzchen.

Am Tag danach ist sie noch freudig erfüllt vom Erlebten: „Der Saal war wunderbar“, schwärmt sie, „das hier ist eines der Ereignisse unseres Jahrhunderts. Zur Akustik würde ich sagen: Vorsicht, man hört alles.“ Aber sie sei beim Thema Akustik sehr unkompliziert. „Ein Priester macht auch keinen Unterschied, in welcher Kirche er predigt oder ob er das in einer Garage macht“, erklärt sie. „Es geht um die Botschaft, die liefere ich ab, egal wo man mich hinstellt. Dort erzähle ich meine Geschichte.“ Für den Epilog holte sie sich spontan den Cellisten Nicolas Altstaedt auf die Bühne, als Turbo-Partner für den „Très vif“-Satz aus Ravels Sonate für Violine und Violoncello.

Die kurze Distanz zu den knapp 2100 Individuen um sie herum war für sie kein Problem: „Man spürt das Publikum sehr, sehr nahe. Alles kann man hier machen, und das inspiriert auch“, sagt sie. „Toyotas Akustik kenne ich schon aus Helsinki. In dem Saal dort war ich fast schockiert – sie ist so delikat, so intim. Was man spielt, wird zu einem akustischen Ereignis, egal wie leise oder wie laut. Für mich spielt fast mehr eine Rolle, wie die Atmosphäre im Saal ist, und die ist sehr festlich. Die Menschen gestern wollten sich das ansehen und mit der Stadt feiern. Und ich war ein Teil davon, das war sehr schön.“

In der „Rosenkavalier“-Suite hörte man ein Orchester, das diese rührselig funkelnde Musik nicht so beherrschte, wie es die Wiener Philharmoniker können, doch das kann nun mal niemand außer diesen Wienern. Was man hörte, war ein Hamburger Orchester in einem für ihn sehr neuen Saal, das sich energisch bemühte, dort besser zu sein, besser zu werden. Bei einem Probenbesuch im Dezember, als die Mutprobe im Dreivierteltakt (nach einer Erstbegegnung im Oktober, noch in der Laeiszhalle) erstmals im Neubau auf den Pulten lag, wurde viel auf den Instrumenten durchbuchstabiert. Jetzt hatten viele Instrumentalisten besser im Griff, wie wenig bei Strauss’ Instrumentierungsraffinesse im richtigen Moment notwendig sein kann, um viel zu bewirken.

Als Tutti-Zugabe, bevor die Lehrstunde mit großem Applaus endete, spendierte Hengelbrock noch das Vorspiel zum 3. Akt von Wagners „Lohengrin“. Schönes Timing, auch das. Denn am Montag gastiert der musikästhetisch gänzlich anders tickende Wagner-Spezialist Christian Thielemann mit seiner Sächsischen Staatskapelle Dresden und einem Best-of-Wagner-Programm. Das Publikum ist um die Angebotsvielfalt zu beneiden, die in dieser Architektur zu erleben und zu genießen ist. Thomas Hengelbrock und sein Orchester sind es nicht immer. Kopatchinskajas Meinung: „Die Stille klingt hier. Und man ist Teil eines Experiments.“

Das Konzert wird heute (20.00 Uhr) wiederholt. Am 20.6. spielt Patricia Kopatchinskaja mit dem Konzerthausorchester Berlin (Leitung: Iván Fischer) Sibelius’ Violinkonzert. Beide Elbphilharmonie-Konzerte sind ausverkauft.