Ulrich-Wildgruber-Preis

Mädchen? Kämpferinnen? Diese Frau kann alles

Preisgekrönt: Schauspielerin Kathleen
Morgeneyer

Preisgekrönt: Schauspielerin Kathleen Morgeneyer

Foto: Joachim Gern

Ein Bühnenstar mit vielen Gesichtern: Die Schauspielerin Kathleen Morgeneyer erhält den diesjährigen Ulrich-Wildgruber-Preis.

Hamburg.  Kathleen Morgeneyer ist eine Schauspielerin, die über ein breites Repertoire an Stimmungen und Gesichtern verfügt. Sie ist die kämpferische Johanna in „Die Jungfrau von Orleans“, Regie Michael Thalheimer, genauso wie die mädchenhafte Nina in „Die Möwe“, Regie Jürgen Gosch. All diese Berliner Inszenierungen gastierten beim Hamburger Theaterfestival. Zuletzt überzeugte sie als kühle Strategin Gräfin Eboli in „Don Carlos“ von Stephan Kimmig.

Am 29. Januar erhält Morgeneyer nun in einer Feierstunde im St. Pauli Theater den mit 10.000 Euro dotierten Ulrich-Wildgruber-Preis der Nordmetall-Stiftung und des Fördervereins des St. Pauli Theaters. Er gilt als einer der wichtigsten Theaterförderpreise der Republik. Unter ihren Vorgängern finden sich so klangvolle Namen wie Birgit Minichmayr, Fabian Hinrichs oder im vergangenen Jahr Lina Beckmann.

Kein geradliniger Weg

Dabei ist Kathleen Morgeneyers Weg nicht ganz geradlinig verlaufen, was ihrer Kunst aber eher förderlich war. 1977 in Chemnitz als Tochter eines Ingenieurs und einer Lehrerin aufgewachsen, tauchte sie als Jugendliche in die ostdeutsche Theaterszene ein. „Da gab es schon Momente, die mir durch den ganzen Körper gingen und ich dachte, das ist so schön, das möchte ich immer machen“, sagt sie von Berlin aus durchs Telefon.

Das Theater in Chemnitz war damals geprägt von Schauspielern wie Peter Kurth und Regisseuren wie Michael Thalheimer und genoss einen exzellenten Ruf. „Mit 14 Jahren wollte ich einer von denen sein, die da draußen in der Pause ihre Zigaretten rauchten.“

Prägende Jahre des Vagabundierens

Mit 17 Jahren kam sie diesem Traum näher. Sie bewarb sich an der renommierten Berliner Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“. Man empfahl ihr einen zweiten Versuch. Morgeneyer traute sich aber erst mal nicht. Sie lernte drei Jahre Pantomime und zog mit Freunden in einer eigenen Truppe durch die Lande. „Das war ein tolles Körpertraining mit Tanz und
Akrobatik, das ich drei Jahre lang erleben durfte.“ An diese prägenden Jahre des Vagabundierens im bunten Berlin Mitte der 1990er-Jahre denkt sie heute noch gerne. „Wir lebten eigentlich immer am Existenzminimum. Das war oft sehr verrückt“, sagt sie mit ihrer sehr musikalisch klingenden Stimme. Trotzdem kam sie an eine Grenze. „Irgendwann hatte ich eine riesige Sehnsucht nach Sprache“, sagt sie.

Legendär verrissene „Lulu“

Sechs Jahre später bewarb sie sich erneut an der „Ernst Busch“ und wurde diesmal genommen. In ihrem ersten Engagement nach der Ausbildung 2006 am Düsseldorfer Schauspielhaus lief sie gleich dem großen Regisseur Jürgen Gosch über den Weg, der sie unbedingt für seine „Was Ihr Wollt“-Inszenierung als Olivia gewinnen wollte. „Dabei hatte er mich nur in einer Rolle ohne Text gesehen“, lacht Kathleen Morgeneyer. Sie wurde Teil der „Gosch-Familie“, spielte in Berlin in seiner „Möwe“. „Das sind Momente, wo der Boden unter den Füßen nachgibt“, sagt Morgeneyer.

Erst mal ging sie 2009 ins Ensem­ble des Schauspiels Frankfurt, erarbeitete mit dem in Hamburg aus der Khuon-Ära bestens bekannten Stephan Kimmig eine legendär verrissene „Lulu“, die ihr dennoch bis heute Fans verschaffte. „Kimmig gelingt es, die Schauspieler extrem zum Spielen zu bringen und zu öffnen“, sagt Morgeneyer. Frankfurt bot ihr gute Arbeitsmöglichkeiten – aber zu wenig Heimatgefühl. „Ich wusste, dass ich das in der Stadt mit diesem Fokus nicht lange durchhalte. Ich fühlte mich da komplett alleine. Ich habe außerhalb des Theaters keine Verbindung zu Leuten meines Alters gefunden.“

Körper verbindet sich mit Räumen

Also fragte sie Ulrich Khuon, ob sie an sein Deutsches Theater in Berlin kommen könne. Sie konnte. Seit 2011 ging es dort für Morgeneyer steil bergauf. Auch wenn sie inzwischen auf große Frauenfiguren wie die „Johanna“ oder auch „Iphigenie“ abonniert scheint, hat sie keine Präferenz für Rollen in den großen Klassikern. „Ich mag beides. Die Räume hinter einer ,Johanna‘ sind ja erst mal riesig. Da sind ganz viele Schichten Patina vorhanden. Die Texte von heute sind ganz jung und zart und zerbrechlich.“

Gerne spricht sie davon, wie ihr Körper sich mit Räumen verbindet. Die Hamburger Thalia-Bühne, wo sie in „Don Carlos“ spielte, begeistert sie immer noch. Der Erfolg hindert Kathleen Morgeneyer nicht am plagenden Lampenfieber. Manchmal, bekennt sie, habe sie sogar richtig doll Angst. Nicht davor, den Text nicht parat zu haben. „Man geht ja raus und behauptet das in dem Moment. In den ersten Sekunden kann man nicht steuern, was passiert und ob es funktioniert.“ In der Regel funktioniert es. Keine Frage, Kathleen Morgeneyer ist auf dem Weg, eine große Schauspielerin ihrer Zeit zu sein. Und damit eine würdige Preisträgerin.