Hamburg

Sie steht noch

Die Einstürzenden Neubauten gleich zweimal in der Elbphilharmonie: großartige Auftritte ganz ohne Gebäudeschäden

Hamburg.  Ohrstöpsel an der Garderobe, höhö. Das hat was beim Besuch eines Konzertsaals, der vor allem für die Feinheiten der Klassik gedacht wurde und in dem man doch alles hören können soll für das viele dort verbaute Geld. Aber wenn die auf ewig als Subkultur-Götter abzufeiernden Herren der Einstürzenden Neubauten im Großen Saal der Elbphilharmonie auftreten, kann dieser ironisch veredelte Stresstest nicht doppeldeutig genug sein. Und um es, nach dem Besuch des zweiten der beiden in Rekordzeit ausverkauften Konzerte kurz zu machen: Ja, die Elbphilharmonie steht noch.

Warum sollte sie auch nicht? Ein Saal, der die diffizilen Klangmassen von Schönbergs „Gurre-Liedern“, Mahlers Achter oder Stockhausens „Gruppen“ bewältigen soll, wird ja wohl auch mit dieser Design-Punk-Beschallung fertig. Und denkt man das Baumarkt-Instrumentarium, als lustig in die Jahre gekommener Ex-Kleinbürger-Schreck auf die sauteure Holzbühne gestellt, in größeren Zusammenhängen, ist das Vorab-PR-Trara letztlich nur Ouvertüre zu einem weiteren Konzert mit Spezialisten für historische Aufführungspraxis gewesen. Aber eben nicht mit Barockgeigen, Darmsaiten und gelehrter Stilkenntnis, sondern einem Abflussrohr „mit einem schönen A“ oder einer Metallschale Modell „Dschungelcamp“-Dusche, aus der es kleine Metallbarren purzelt. Hin und wieder wurde effektvoll von N.U. Unruh auf sein Baustellen-Gerümpel eingeschlagen, das so aussah, als hätten Arbeiter von Hochtief es in einem Abstellraum vergessen. Kuratierter Lärm mit Hintergedanken also, doch so etwas haben Futuristen wie der Amerikaner George Antheil oder der Italiener Luigi Russolo mit Flugzeugmotoren und Selbstgebasteltem schon vor knapp 100 Jahren zum Entsetzen schreckhafter Beethoven-Verehrer veranstaltet.

Anstatt sich auf realen Materialien auszutoben, hätten die Neubauten auch einen Sampler diese Zuliefer-Arbeit erledigen lassen können. Die Kollegen von Kraftwerk, deren Konzerte inzwischen Museen beschallen, haben es sich längst leichter gemacht mit der Kunst-Vorproduktion. Doch hier sollte der Rabatz noch handgemacht sein.

Manufactum-Punk. Drogen, Herzrasen, Schweißgestank, Markthallen-Räudigkeit und irre eitle Außenseiter-Avantgarde sind längst Jahrzehnte her, was jetzt im Rampenlicht orchestriert wurde, war reinstes, feinstes Goethe-Institut-Sortiment, Weltkulturerbe geradezu. Bundesrepublikanische Erinnerungskultur für die Studienräte im bequemen Gestühl, die auch mal jünger und wilder waren; hätte es eine Pause gegeben, wäre darauf im Foyer mit dem guten Roten angestoßen worden. Dass Sänger Blixa Bargeld sich kurz vor dem Finale tatsächlich ein Zigarettchen anzündete, war schon der Gipfel zivilen Ungehorsams.

Natürlich fiel keine der Gipsfaserplatten der „Weißen Haut“ von der stellenweise verhängten Saal-Wand, und natürlich war es ein Konzertereignis, wie man es von den guten alten Neubauten erwarten durfte: sensationell eigenartig, dröhnend pathetisch, wenn Bargeld zur transzendentalen Hafenrundfahrt auf seine „Sonnenbarke“ einlud oder in „Silence Is Sexy“ um ein feist hörbares Zigarettenknistern herumraunte. Interessant vorgestrig.

Bargeld stand mit halbgefrorener Entertainer-Eleganz am Mikro, dezent beglitzerter Dreiteiler, um die Feinschmecker-Hüften spannend. Die Lesebrille griffbereit, als er für einen Song sein Smartphone als Spezialeffekt-Lieferant dazustöpselte. Wenn Bargeld nicht mit hinreißend öligem Märchenonkel-Brummbass seine Texte sprechsang, zog er ein Dandy-Schnütchen oder dirigierte einhändig, mit einem Schuss ins Ungnädige, die Kollegen. Neubauten-Bassist Alexander Hacke – ebenfalls barfuß, fluffig fliegende Heavy-Metal-Mähne und dekorative Unterarm-Tattoos – knüppelte die rhythmische Verstärkung für die Schlagwerker durch die Lautsprecher und lauerte auf Lücken, in die er brettern konnte. Und der Saal lieferte, auch hier: Man hörte in Block D das rhythmische Tapsen von Hackes linkem Fuß beim Anzählen.

Das Programm ihrer Konzerte hatte die Band dem Konzept ihres aktuellen Albums „Greatest Hits“ entnommen; auch das ein ironisches Späßchen, denn echte Hits – Chart-Erfolge, tonnenweise verkaufte Alben, Autogrammkarten, Auftritte bei Wim Thoelke – hatten die Neubauten natürlich nie. Gleich als zweiter Song wurde der saftig dröhnende Repertoire-Altbau „Haus der Lüge“ vorgeführt, gut zwei Stunden mit brunnendunklen Balladen und Konzept-Krachkunst gingen danach über dem begeisterten Publikum nieder, ein Potpourri aus der mittleren bis späten Schaffensphase der einmal wegweisenden Band. Eine Lektion in Vor-Jahrtausendwende-Musikgeschichte, bei der bis auf ein Cello keine klassischen In­strumente zum Einsatz kamen, dafür aber eine allerliebst knisternde Rettungsdecke aus Thermofolie.

Kusshändchen von Blixa zum Abschied, nach einem letzten Trommelfellalarm bei „Redukt“, und vorbei war es, das vorerst gelungenste, aber hoffentlich nicht letzte Elbphilharmonie-Konzert, das sich traute, am Vorabend eines Konzerts der Wiener Philharmoniker so rabiat aus dem Rahmen der Konventionen zu fallen.