Hamburg

"Felicità": Schlagerglück mit Ohrwurm in der Sporthalle

Ein bisschen fülliger sind sie geworden, aber auf der Bühne feiern Al Bano & Romina Power noch immer ein Fest

Ein bisschen fülliger sind sie geworden, aber auf der Bühne feiern Al Bano & Romina Power noch immer ein Fest

Foto: Jazz Archiv Hamburg/HS / Jazz Archiv Hamburg

Literaturhaus-Chef Rainer Moritz ließ sich von Al Bano & Romina Power in die Vergangenheit entführen. Zum Comeback des Jahres.

Hamburg.  Ach ja, wie war das damals, als Helmut Kohl seine fast unendliche Kanzlerschaft antrat, als die Neue Deutsche Welle aufkam und die Fußballnationalelf vom unglückseligen Jupp Derwall trainiert wurde? Damals, als das italienische Gesangsduo Al Bano & Romina Power seine größten Erfolge feierte und dem deutschen Publikum zeigte, dass man als singendes Ehepaar nicht so bieder wie Cindy & Bert oder Nina & Mike einherkommen musste. Schön war das und offenbar unvergesslich, denn als vor ein paar Jahren Al Bano & Romina Power, deren Ehe 1999 geschieden wurde, im gesetzten Rentenalter auf die Bühne zurückkehrten, erglühten die nostalgisch gestimmten Schlagerseelen aufs Heftigste.

Zeitreise in die Vergangenheit

Das – so die Ankündigung – „Comeback des Jahres“ füllt die Alsterdorfer Sporthalle am Sonnabendabend zwar nicht bis auf den letzten Platz, doch es mangelt nicht an freundlichen, wohlmeinenden Menschen, die insgeheim fest daran glauben, dass auch sie ihre beste Zeit hatten, als „Sempre, sempre“ und „Sharazan“ in den Charts weit nach oben kletterten.

So wird das fast zweieinhalbstündige Konzert der Wiedervereinten zu einer Zeitreise, die das Publikum unweigerlich in die eigene Vergangenheit zurückkatapultiert.

Ja, beide kämpfen mit den gleichen Problemen wie man selbst. Sie – die unnötig erblondete, in wallende Gewänder gehüllte Romina und der trotz seines Markenzeichens „Hut“ immer noch ein wenig klein geratene Al Bano – sind fülliger geworden und wissen, dass alles, was in ihren Karrieren seit den frühen Neunzigern kam, kaum jemand heute in einen Konzertsaal brächte. Und natürlich zehrt die Freude am Comeback des auf den ersten Blick so gegensätzlichen Paares von den dunklen Schatten, die ihre Biografie umgaben.

Die Ehe der beiden zerbrach

Alle Boulevardblätter berichteten 20 Jahre lang davon: vom plötzlichen Verschwinden der Tochter Ylenia, von der verzweifelten Suche nach ihr und vom Gerichtsbeschluss, der sie 2014 für tot erklärte. Die Vorzeigeehe von Al Bano und Romina hielt dem nicht stand, und beide gingen danach unterschiedlich erfolgreiche Solowege. So schwingt im Publikum nicht nur die Sehnsucht mit, sich an alten Songs zu erfreuen, sondern auch die ganz leise Hoffnung, dass das inbrünstig gesungene „Tu soltanto tu“ mehr als Bühnenfiktion ist.

Von der ersten Sekunde an wirken weder Al Bano, der gerade eine Herzoperation hinter sich brachte, noch Romina Power so, als sei ihr Comeback eine finanziellen Problemen geschuldete Pflichtübung. Nein, sie gehören nicht zu jenen Pop-Veteranen, die auf ihre alten Tage selbst vor Baumarkteröffnungen nicht zurückschrecken und kaum mehr als Mitleid verdienen. Sie strahlen erstaunliche Lust am Auftritt aus und wirken so, als sei es ihr größtes Glück, endlich wieder mit „Ci sarà“ über die Bühne zu fegen.

Durststrecke muss überwunden werden

Und beide wissen genau, dass ihre Fans vor allem gekommen sind, um sie im Doppelpack zu erleben, und setzen ihre Fans so einem Geduldsspiel aus. Denn es gilt, Durststrecken zu überwinden – wenn Romina Power jüngere Durchschnittsware auf Englisch singt oder kitschige Jugendgedichte auf Deutsch vorträgt, wenn ihr Ex-Gatte seine Liebe zur klassischen Musik demonstriert und sehr Vertrautes von Verdi und Puccini schmettert oder im Zuge der Familienförderung Sohn Yari Carrisi Songs zum Besten geben darf, die man zehn Minuten später samt und sonders wieder vergessen hat.

Felicità als Höhepunkt zum Schluss

In diesen sich in die Länge ziehenden Minuten ruhen die Smartphones in der Halle, deren Foto- und Aufnahmefunktionen erst wieder aufleuchten, wenn die Füllsel überstanden sind und das vital gebliebene Duo gemeinsam singt, was ihren Ruhm ausmacht. Keinen Zweifel gibt es daran, worauf dieser Abend dramaturgisch hinausläuft, hinauslaufen muss: auf „Felicità“. Wie oft sie diesen Song seit 1982 gesungen haben, ist statistisch nicht erfasst. Und dennoch geben sie sich nach über 30 Jahren dem Lied leidenschaftlich hin – dieser einfachen Erzählung vom Alltagsglück, das Wein, Federkissen und Mond uns bereiten. Alles kulminiert in der Feier der allumspannenden „Felicità“, und eine gute Viertelstunde lang treten zum Abschluss die Hintergrundakteure nach vorne und interpretieren mit Schlagzeug, Geige oder Klavier ihre Versionen von „Felicità“. Wahrscheinlich würde man nach diesem furiosen Finale sogar den Hamburger Eisregen für ein Indiz der „Felicità“ halten.

Die Literaturwissenschaftlerin Silvia Bovenschen hat in ihrem Buch „Älter werden“ notiert, dass der „Rückzug auf gesicherte Gebiete“ für sie zu den „Symptomen des Alterns“ zähle. Wie beruhigend ist es, sich dank Al Bano & Romina Power ab und zu auf solch gesichertem Terrain bewegen zu dürfen.

Rainer Moritz ist Chef des Literaturhauses Hamburg, er hat mehrere Bücher zum Thema Schlager veröffentlicht