Kultur

Das Kellergewölbe des Internets

Eine gelungene ARD-Reportage zeigt, dass das Darknet beides ist: Treffpunkt für Kriminelle und Unbescholtene, denen es um Freiheit geht

Das Darknet gilt als Kellergewölbe des Internets: ein Reich der Finsternis, in dem sich Drogendealer, Waffenhändler und Kinderschänder tummeln. Auch der Amokläufer im Münchner Olympia-Einkaufszentrum, der neun Menschen (und sich selbst) erschoss, hatte sich seine Waffe im Darknet besorgt. Die ARD-Autoren Annette Dittert und Daniel Moßbrucker gehen dieser Gefahrenzone jetzt auf den Grund: In „Die Story im Ersten: Das Darknet“ machen sie sich auf eine „Reise in die digitale Unterwelt“.

„Ich hab Darknet am Anfang selbst erst mal gegoogelt“, sagt Dittert, die sich seit 2015 mit dem Thema befasst. „Mit unserem Film sollen die Zuschauer Schritt für Schritt entdecken, was das Darknet ist und wen man da trifft.“ Über viele Monate hat sie mit ihrem Koautor das digitale Paralleluniversum erkundet. Der Zugang ist nicht schwierig: Jeder kann sich die Zugangsprogramme, etwa das „Tor“-Browser-Paket, herunterladen. „Tor“ verschlüsselt den Datenstrom und stellt die Verbindung zum Untergrundnetzwerk her. Wer sich hier bewegt, bleibt anonym, ist nicht nachzuverfolgen.

Allerdings war die Recherche ein langer, oft frustrierender Prozess, der ohne Hilfe beratender Hacker nicht möglich gewesen wäre, sagt Dittert. „Wir haben in verschiedenen Darknet-Foren Gesprächspartner gesucht. Mindestens 80-mal sind wir abgeblitzt, bis einer zum Interview bereit war.“ Viele Informanten wollten aus Angst vor verdeckten Ermittlern nur anonymisiert aussagen. Über Monate ist aber doch ein beeindruckend anschaulicher Report mit einem breiten Spektrum von Gesprächspartnern entstanden.

Beispielsweise Drogenhändler „Jerome“, privat ein Familienvater in NRW, der per Post Extasy, Cannabis und Amphetamine verkauft. Frau und Kinder ahnen nichts. Er kennt seine Kunden nicht, weiß also auch nicht, ob eventuell Minderjährige bestellen. „Jerome“ erzählt davon wie über einen üblichen Versandhandel. Ähnlich ein bereits überführter Waffenhändler aus Berlin, der sich ein nettes Zusatzgeschäft erhofft hatte. Auf ihn warten viereinhalb Jahre Haft. Viele illegale Geschäfte laufen im Darknet so normal wie im Internet, Waffenhändler kann man sogar bewerten wie auf Ebay.

Aber auch die Gegenseite hat aufgerüstet. Die Frankfurter Staatsanwaltschaft, die Cybercrime-Delikte verfolgt, hat seit 2014 mehr als 40 Ermittlungsverfahren eröffnet und bereits rund 80 Täter überführt. Erfolge seien im Dark­net fast nur durch verdeckte Ermittler möglich, sagt einer der Staatsanwälte im Film.

Unverzichtbar ist das Darknet längst für Journalisten

Ja, das Darknet macht den illegalen Handel mit Drogen oder Kinderpornos erst möglich. „Aber viele Seiten im Dark­net haben nichts mit Cybercrime zu tun“, sagt Annette Dittert. Immer mehr User sehen darin eine Alternative zum Internet, in dem jeder eine breite Datenspur hinterlässt, aus der sich ein individuelles Profil erstellen lässt. Eine wachsende Gruppen von Menschen will sich dagegen schützen, berichten Berliner Netz-Aktivisten und Verschlüsselungsexperten: „Die Nach-Snowden-Ära hat die Leute sensibler gemacht.“ Das Erstellen von User-Profilen hat Konsequenzen, sagen sie: „Wir werden im Internet manipuliert, weil wir immer Informationen bekommen, die auf uns zugeschnitten sind.“

Unverzichtbar ist das Darknet längst für Journalisten, Whistleblower oder Dissidenten, die in ihrem Heimatland verfolgt werden. Wie der Journalist Baris Pehlivan, dessen Computer von der türkischen Regierung mit einem Trojaner infiziert wurde, der belastendes Material auf seine private Festplatte spielte. Pehlivan saß dafür monatelang in Haft, bis kanadische Computerspezialisten den Trojaner fanden und offenlegten. Inzwischen kann er nur noch im Darknet schreiben. Auch die syrische Journalistengruppe „Raqqa is being slaughtered“ nutzt Darknet-Technologien, um über Gräueltaten in der IS-Hochburg zu berichten.

Unterstützt werden solche Journalisten und Whistleblower von einer Gruppe digitaler Spezialisten, sogenannte „White Hat Hacker“. Sie reisen um die Welt, um Verfolgten mit Verschlüsselungstechniken zu helfen oder „governmental interception“ (staatliche Überwachung) aufzudecken. Die trifft nicht nur Regimegegner, inzwischen suchen staatliche Hacker auch im Darknet nach Verdächtigen. Im Film kommen auch Betroffene aus Syrien, Marokko und China zu Wort. „Ich war erstaunt, in wie vielen autokratischen Ländern es schon als Hochverrat gilt, anonym zu surfen“, sagt Annette Dittert.

Vom Waffenhändler zum normalen Surfer, der unbeobachtet sein will: Es gehört zu den Stärken dieser Dokumentation, dass sie den Bogen so weit spannt. Dittert wurde für ihre Berichte als ARD-Studio-Leiterin Warschau bereits mit dem Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis und als Autorin der Dokumentarfilmreihe „Abenteuer Glück“ mit dem Adolf-Grimme-Preis ausgezeichnet. Ihre aufwendige Beschäftigung mit dem Darknet hat sie nachdenklich gestimmt: Das Untergrund-Web ist weit mehr als eine Nische für Nerds oder Kriminelle. „Wir werden eine Zeit bekommen, wo das Darknet sehr wichtig wird, um unsere Freiheit zu behalten“, sagt sie. Der naive Grundsatz „Ich hab doch nichts zu verbergen“ greife heute nicht mehr.

„Das Darknet – Eine Reise in die digitale Unterwelt“, Mo, 22.45 Uhr, ARD