TV

Der „Tatort“ und das Gute im Menschen

Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl, l.) und Ivo Batic (Miroslav Nemec) sind gerufen worden, weil ein totes Neugeborenes gefunden wurde

Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl, l.) und Ivo Batic (Miroslav Nemec) sind gerufen worden, weil ein totes Neugeborenes gefunden wurde

Foto: ARD Degeto/BR

In „Klingelingeling“ ermitteln die Kommissare Batic und Leitmeyr im Bettlerbandenmilieu – ausnahmsweise erst am Montag.

Hamburg. Kleine Warnung vorweg: Dieser „Tatort“ ist wenig geeignet, den Zuschauer in Feiertagsstimmung zu versetzen. Im Krimi mit dem beschaulichen Titel „Klingelingeling“ finden sich weder blanke Kinderaugen vor dem geschmückten Christbaum noch ein Engelchor, der „Halleluja“ anstimmt. Was einerseits dem Genre geschuldet ist.

Auf der anderen Seite liegt ja auch großer Reiz in dem Versuch, Weihnachtsstimmung und triste Realität – Armut, Verbrechen, Tod - mit Vollgas aufeinanderprallen zu lassen. Die gesellschaftlichen Widersprüche rund um das Fest der Nächstenliebe infrage zu stellen. (Die sich seit einigen Tagen natürlich besonders nachdrücklich aufdrängen.)

Klare erzählerische Ausrufezeichen

Für Zwischentöne und subtile Anspielungen interessiert sich „Klingelingeling“ jedoch bestenfalls am Rande. Regisseur Markus Imboden und Autorin Dinah Marte Golch setzen in ihrem gemeinsamen „Tatort“ klare erzählerische Ausrufezeichen. Es gibt 90 Minuten moralisch voll auf die Glocke.

Wer gut ist und wer böse, daran gibt es keinerlei Zweifel. Man darf also nach zwei Festtagen bereits ein wenig weihnachtsduselig sein – diese Feiertagsepisode macht es dem Zuschauer beim Rätselraten auf dem Wohnzimmersofa recht einfach. Emotional allerdings geht der Film so spurlos wohl an keinem vorbei.

Da vergeht die Freude aufs Fest

In der Münchner Innenstadt bringt eine junge rumänische Bettlerin mithilfe ihrer Schwester einen Sohn zur Welt. Doch das einige Wochen zu früh geborene Baby wird nur wenige Stunden alt. Während der Polizeichor in der Präsidiumskantine „Stille Nacht, heilige Nacht“ anstimmt, wird der tote Junge in einer kleinen Friedhofskirche unbeobachtet vor dem Altar abgelegt – mit der Bitte, ihn zu beerdigen.

Die Kommissare Batic (Miroslav Nemec) und Leitmayr (Udo Wachtveitl), die wohl in ihrer Langzeit-Polizistenkarriere alles Grauen dieser Welt zu Gesicht bekommen haben, stehen fassungslos vor der Kinderleiche. Ohnehin keine eingefleischten Weihnachtsanhänger, vergeht den beiden bei diesem Anblick auch das letzte Fitzelchen Freude aufs Fest.

Ergrauter Vollzeitmelancholiker

Das scheint in diesem Jahr ohnehin eine tris­te Nummer zu werden: Batic wird per SMS von einer Handvoll Frauen versetzt, die Weihnachten allesamt Besseres vorzuhaben scheinen als ein Date mit dem ergrauten Vollzeitmelancholiker. Leitmayr kämpft mit den viertelstündlichen Kontrollanrufen seiner Mutter, die sich nach dem Zwischenstand in Sachen Gänsebraten erkundigt.

Die Mischung aus Ernsthaftigkeit und humoristischen Testosteron-Schwenks gehören seit je zum Repertoire der Münchner Ermittler. Über all die Jahre hat sich dieser „Tatort“ das Selbstbewusstsein erarbeitet, nicht mit jedem Fall das Krimirad neu erfinden zu müssen.

Bewährte Batic-Leitmayr-Show

Ein routiniert ins Licht gesetztes Gegenwartsproblem und dazu die bewährte Batic-Leitmayr-Show – das muss manchmal einfach reichen für ein Sonntagskrimi-Erlebnis (ausnahmsweise an einem Montag zu sehen!) der vielleicht nicht herausragenden, aber doch befriedigenden Art. Kulinarisch gesprochen: Der Film ist so aufregend wie ein Weihnachtsbutterplätzchen in der zweiten Adventshälfte. Aber schmecken tut es dennoch.

„Klingelingeling“ kann sich durchweg auf starke Schauspieler verlassen, allen voran die rumänischen Schwestern Tida (Mathilde Bundschuh) und Anuscha (Cosmina Stratan), die am Ende doch viel mehr Kampfgeist und Courage besitzen, als ihr rehäugiges Äußeres vermuten lässt.

Schlechtlaunige Jahresendzeitstimmung

Der brutale Oberschurke ist Chef eines organisierten Bettlerclans, der sein Lager in einer zugigen Fabrikhalle am Stadtrand von München aufgeschlagen hat und zu Weihnachten auf das fette Geschäft hofft. Der fidele Revierassistent kredenzt Kaffee mit Spekulatiusnote und reibt sich die Hände angesichts der bevorstehenden Wichtelparty, ein anderer Kollege kann es nicht erwarten, endlich den Flieger nach Fuerteventura zu besteigen.

Weihnachten adé. Und auch Batic rutscht zunehmend in schlechtlaunige Jahresendzeitstimmung ab: „Ich hab mir überlegt, ob ich Dienst mache. Dann sind die Feiertage wie ganz normale Tage“, gesteht er seinem Partner. Weihnachten, so die geteilte Polizistenmeinung, wird ohnehin überschätzt. Gegen Ende schwenkt dann aber auch dieses „Tatort“-Sozialdrama auf die versöhnliche Zielgerade ein. „Klingelingeling“ ist ein Film über Familie und Freundschaft, Einsamkeit, Hilfsbereitschaft und den Glauben an das Gute im Menschen. Trotz allem. Weihnachten ist eben auch das, was man daraus macht.

„Tatort: Klingelingeling“
Montag, 26.12., 20.15 Uhr, ARD