Rückblick

Stark wie nie: Warum Hamburgs Kultur immer wichtiger wird

Seit 2016 gibt es
Lindenberg in
Hamburg auch
als Musical

Seit 2016 gibt es Lindenberg in Hamburg auch als Musical

Foto: Tine Acke / dpa

Elbphilharmonie und sonst? Die Beginner, die Kunst und der Krimi haben das Bild der Stadt verändert – und ein alter Bekannter.

Hamburg.  Das Hamburger Kulturjahr 2016 konnte man in manchen ­Umrissen ahnen. Aber natürlich nicht exakt. Wie auch. Wäre irre langweilig, würde man alles voraussehen, man könnte den ganzen Laden namens Kunst- und Freizeitleben dicht machen. Was war 2016 überraschend? Was war wichtig? Was war toll? Was war überhaupt?

Überraschend zum Beispiel: das Comeback der Beginner. Sicher, die erste Platte nach 13 Jahren war lange vorher lanciert worden, aber als Jan Delay und Kompagnons dann im Video von „Ahnma“ zum schwarz-weißen Maritim-Chic Hamburgs lokalpatriotisch („Der Veteran von der Reeperbahn/Hab’ Hamburg hinter mir, als wär’ ich Uwe Seeler“) sprechsangen – da war man dann doch in ungeahnter Weise verblüfft. Vielleicht vor allem deshalb, weil die Beginner aus dem Stand ein neues Wort fürs urbane Wörterbuch promoteten: „Ahnma“, aus HH-Cool-Sprech übersetzt ins Deutsche „Komm’ da doch mal drauf“.

Adele und Coldplay überragten

Worauf man im Hamburger Popjahr 2016 kommen konnte, war sicherlich, dass Adele (in der Barclaycard-Arena, zwei Abende) und Coldplay (Volksparkstadion) die am meisten bejubelten Auftritte hinlegten. Auch jenseits von Mainstreamkonzerten folgt nun eine Aufzählung dessen, was jemand, der ein ganzes Kalenderjahr nicht in Hamburg war, im Kulturleben der Elbmetropole verpasst hat.

Im Musikbereich zumindest nicht das Elbjazz-Festival, es konnte nach sechs Ausgaben aus ökonomischen Notwendigkeiten nicht stattfinden. Es war in musikalischer Hinsicht der einzige Ausfall. 38.000 Besucher kamen etwa zur elften Ausgabe des Reeperbahnfestivals – Rekord. Zum zehnten (Glückwunsch!) Dockville-Festival strömten an jedem der drei Veranstaltungstage im Spätsommer satte 20.000 zumeist junge Menschen.

Die Musikstadt Hamburg denkt groß. Und zwar seit diesem Jahr 2016 endlich auch zu Recht: Das mächtige, beeindruckende, schöne und unvergleichliche Konzerthaus am Fluss wurde fertig. Die architektonische Endstufe feierte man mit der Plaza-Eröffnung im November, das Rennen um die Tickets und der internationale Applaus folgten auf dem Fuße. Und am 11. Januar geht der Betrieb dann los, in Hamburg, der Heimat der Elbphilharmonie.

360-Grad-Rundgang durch die Elbphilharmonie:

Wenn die Fertigstellung der Elbphilharmonie das wichtigste und sogar schon vor der eigentlichen Eröffnung berauschendste Ereignis des Jahres war, dann war der Tod von Kultursenatorin Barbara Kisseler (1949–2016) im Oktober sicher das traurigste. Die hochgeschätzte Politikerin kann nun das Konzerthaus nicht mehr selbst erleben, sie war am Ende einer leidigen Baugeschichte eine durchaus entscheidende Geburtshelferin. Auch Roger Willemsen (1955–2016) starb; der nachdenkliche Buchautor und Publizist wird nicht nur seiner Wahlheimat Hamburg fehlen.

Nachgedacht wurde in diesem Jahr viel; etwa über den Standort des Hafenmuseums, für den der Bund 120 Millionen Euro springen lässt. Drei Lokalitäten werden geprüft, 2017 soll die Entscheidung dann fallen. Wenn etwas für auch längst etablierte Ausstellungshäuser entscheidend ist, dann ist das die Modernisierung ihrer Räume.

Wechsel beim Bucerius Kunst Forum

Die Kunsthalle tat dies und ließ sich dabei anderthalb Jahre Zeit: Ende April lud Kunsthallendirektor Hubertus Gaßner zur Wiedereröffnung. Und Ende September ging ebenjener Hubertus Gaßner nach zehn Jahren in den Ruhestand. Christoph Martin Vogtherr, bisher Chef der Londoner Wallace Collection, übernahm.

Wechsel auch beim Bucerius Kunst Forum – Ortrud Westheider schied aus, der Kunsthistoriker Franz Wilhelm Kaiser kam aus Den Haag. Die fürs Frühjahr 2017 terminierte Neubesetzung an der Spitze des Völkerkundemuseums wurde Ende 2016 festgezurrt, die Südtirolerin Barbara Plankensteiner folgt auf Wulf Köpcke (63), der ein Vierteljahrhundert die Leitung des Museums innehatte. Er wechselt an die Akademie der Polizei Hamburg und wird dort als ­Experte für interkulturelle Fragen arbeiten. Immer noch Kultur, aber jetzt ganz anders.

Pudel brannte ab, Udo war auf Nummer eins

Zum Theater. Was die Vitalität der Hamburger Szene angeht, wurde 2016 auch im Verborgenen gearbeitet. Das internationale Festival „Theater der Welt“ kehrt in die Stadt zurück, in der es gegründet wurde. Thalia und Kamp­nagel kuratieren das Bühnenfest, das vom 25. Mai bis zum 11. Juni läuft – mal abwarten, welche Ideen in 2016 geboren wurden, die 2017 zum Theater-Erlebnis werden lassen.

Im abgelaufenen Jahr gab es, was das angeht, keine zwei Meinungen: „Unterwerfung“, Edgar Selges Solo für Houellebecq, war das Ereignis der Saison. Auf dem Höhepunkt des Hypes bot das Schauspielhaus sogar Stehplätze an.

Krimifestival gut besucht

Während im Schauspielhaus die Bühne aufgrund der Kunst Selges („Schauspieler des Jahres 2016“ auch offiziell) förmlich loderte, brannte der Golden Pudel Club an der Hafenstraße ganz unmetaphorisch nach einer Brandstiftung tatsächlich ab. Zunächst wurde die Zwangsversteigerung der zerstrittenen Besitzer abgesagt, dann Geld eingesammelt – Club gerettet, Wiederaufbau gestartet.

Von der Subkultur zum Filmfest Hamburg, wo 2016 wieder eine ­gewisse Stardichte (Ewan McGregor, Jennifer Connelly) herrschte, und vom Filmfest gleich weiter zur Literatur. Das zehnte Krimifestival verbuchte den besten Publikumsandrang seiner ­Geschichte – 10.000 Menschen kamen.

Lindenberg war Mann des Jahres

Bestsellerautoren lasen auch beim Harbour Front Festival, zum Beispiel Jonas Jonasson und Cornelia Funke. Den Hamburgroman des Jahres schrieb übrigens Heinz Strunk, und gut verkauft hat er sich auch noch: Die Fritz-Honka-Schauerballade „Der Goldene Handschuh“ ging 2016 etwa 100.000-mal weg. Es war in jedem Fall auch ein „Heinzer“-Jahr.

Trotzdem war der Mann des Jahres – und nicht nur in seiner Stadt Hamburg – unzweifelhaft die Deutschrock-Ikone Udo Lindenberg: 70 ist sie geworden im Mai, pünktlich zum Geburtstag gab’s das Nummer-eins-Album „Stärker als die Zeit“ und eine ausverkaufte Stadiontour – samt Hamburgtermin. Und im November ist Lindenbergs Erfolgsmusical „Hinterm Horizont“ von Berlin nach Hamburg umgezogen. Schon eine Art von Heimholung.

Wie überhaupt die Kultur auch 2016 besonders in Hamburg zu Hause war. Nachmachen, 2017!