Hamburg

Lass uns noch einmal Blutsbrüder sein

Wiederbelebung eines Mythos: RTL zeigt die Abenteuer von Winnetou und Old Shatterhand in einem neuen Dreiteiler – mit zeitloser Botschaft

Hamburg.  Solange es Kinder gibt und man Weihnachten feiert, wird es Wunschzettel geben. Was darauf steht, unterliegt natürlich dem Zeitgeist. Findet man heute häufig Spielkonsolen und Handy-Zubehör ziemlich weit oben, waren es in den 60er-Jahren Indianerzelt, Federschmuck und Cowboy-Kluft.

Die Karl-May-Filme hatten in Deutschland einen Wildwest-Boom ausgelöst. Zusammen mit dem „Wunder von Bern“ und TV-Unterhaltungssendungen mit Kulenkampff, Frankenfeld und Rosenthal gehören die Filme mit Winnetou und Old Shatterhand zu den Gründungsmythen der Bundesrepublik. Jetzt haben Produzent Christian Becker und Regisseur Philipp Stölzl ihnen eine Frischzellenkur verpasst und drei neue „Winnetou“-Filme inszeniert. RTL zeigt sie ab dem 25. Dezember als Weihnachts-Dreiteiler.

Es hat sich einiges getan östlich von Santa Fe. Der deutsche Ingenieur Karl May (Wotan Wilke Möhring) reist 1860 in die USA, um bei der Erschaffung einer neuen Welt mitzuhelfen. Man schickt ihn nach New Mexico, um als Vermesser beim Bau einer Eisenbahn­linie zu arbeiten. Die Strecke führt aber durch das Gebiet der Apachen, was denen gar nicht gefällt. Es kommt zum Kampf zwischen den Indianern und den Bauarbeitern unter Führung des fiesen Rattler (Jürgen Vogel). May wird schwer verletzt und gerät in Gefangenschaft. Als er skalpiert werden soll, wehrt er die Attacke von Winnetou (Nik Xhelilaj) mit einem harten Faustschlag ab, der ihm seinen Spitznamen einbringt: Old Shatterhand. Im Zelt von Nscho-tschi (Iazua Larios) wacht May wieder auf. Winnetous Schwester ist gleichzeitig die Schamanin des Stammes und pflegt ihn wieder gesund.

Weg vom Postkartenkitsch der alten Filme

Die neuen „Winnetou“-Filme wurden in Kroatien gedreht – wie die alten. Und zwar im „Herr der Ringe“-Modus alle drei Teile hintereinander weg. „Wir hatten mehr als 60 Außendrehtage, es hat geregnet und gestürmt, wir mussten uns um viele Pferde kümmern“, erinnert sich Regisseur Stölzl an die Strapazen. Der Sohn eines Historikers hat schon Kinofilme („Der Medicus“, „Goethe!“), Werbung und Opern inszeniert. Die „Winnetou“-Trilogie hatte ein Budget von 14 Millionen Euro. Regie und Ausstattung machen zahlreiche Anleihen bei den Originalen aus den 60er-Jahren, suchen aber ihren eigenen Weg – und finden ihn. Die Originalmusik von Martin Böttcher, die damals die Charts eroberte, wird zitiert und weiterverarbeitet. Stölzl geht weg von Bully Herbigs „Der Schuh des Manitu“-Klamauk und belehnt stattdessen gerade im ersten Teil häufig „Der mit dem Wolf tanzt“. Auch die US-Goldgräberserie „Deadwood“ war Vorbild. Optisch lösen sich die neuen Filme vom Postkartenkitsch der alten und entwickeln daneben sowohl Handlung als auch Charaktere weiter, auch wenn das Pathos in einigen Dialogen erhalten bleibt. Am auffälligsten ist das bei der von Möhring überzeugend gespielten Figur des Old Shatterhand.

„Karl May hat die Romane in der Ich-Form geschrieben. Es war schön, sich auf diesen Kunstgriff einzulassen“, sagt Stölzl, der erklärt, diese Filme seien für ihn und den Produzenten ein Herzensprojekt gewesen. Einige Schauspieler hätten sogar auf einen Teil ihrer Gage verzichtet. „In unserer Zeit, in der die Kulturen nur so aneinanderrasseln und das Misstrauen gegenüber den anderen Werten, fremden Hautfarben und Haltungen immer größer wird und jeden Abendbrottisch beherrscht, war es schön, zu Weihnachten diese abendländisch-christliche Utopie noch einmal auszurollen“, erklärt er seine Motivation.

Pierre Brice gab eine Botschaft mit auf den Weg

Deutlich vertieft ist der Charakter der Figur Old Shatterhand. „Lex Barker war damals von Anfang an ein fertiger Westernheld, der sich gar nicht verändert. Unser Shatterhand stammt aus ärmsten sächsischen Verhältnissen und hat dort Unrecht erduldet. Er findet in Amerika eine Affinität zu den anderen Entrechteten. Daraus haben wir unsere Figur gesponnen.“ Drehbuchautor Jan Berger beschreibt Winnetous Freund jetzt als einen Mann, der als Greenhorn in Amerika ankommt und im Laufe der drei Filme innerlich und äußerlich immer indianischer wird.

Und Xhelilajs edler Wilder Winnetou ist athletischer als sein Vorgänger. Die Rolle der Nscho-tschi wurde klar aufgewertet; sie ist nicht mehr nur eine heiratswillige Schwester. Komplexer gestaltet ist auch der von Milan Peschel verkörperte Sam Hawkens. „Wir haben versucht, den Figuren auch zweite und dritte Ebenen zu geben“, sagt Stölzl. Mehrere Schauspieler, die man aus den alten Filmen kennt, haben Gastauftritte. Die erste Nscho-tschi Marie Versini ist in einer kurzen Szene zu sehen. Mario Adorf spielt sich als Erzschurke Santer Senior quasi noch einmal selbst – 50 Jahre später. Und der DDR-Oberindianer Gojko Mitic verkörpert Winnetous Vater Intschu Tschuna.

Vor Drehbeginn hatte der Regisseur sogar Kontakt zum Ur-Winnetou Pierre Brice, der im vergangenen Jahr gestorben ist. „Ich hatte am Anfang noch eine Rolle für ihn hineingeschrieben. Er sollte einen Ur-Schamanen spielen und das Zepter sozusagen an den jungen Winnetou übergeben. Brice hat sehr nett, aber sehr bestimmt abgesagt. Er hat noch einmal geschrieben, wie er als Franzose völlig unbeleckt von Karl May zu seiner Rolle kam und dann Stück für Stück gemerkt hat, was es eigentlich bedeutet, dass er da eine Ikone des Friedens gespielt hat. Den ,Schuh des Manitu‘ mochte er überhaupt nicht, der hat ihn mit seinen Tuntenwitzen sogar verletzt. Er hat mir dann noch mit auf den Weg gegeben: ,Gehen Sie mit der Botschaft dieses Charakters gut um!‘ Es war wohl die Rolle seines Lebens.“

RTL zeigt den ersten Teil erstaunlicherweise ohne Werbeunterbrechungen. Die Erwartungshaltung ist groß, Stölzl hofft, dass sich Familien vor dem Fernseher versammeln. „Ich habe mal gelesen, der ,Tatort‘ sei das letzte Lagerfeuer der Deutschen. Ich finde, das passt auch ganz gut zu Winnetou.“

Der Regisseur kommt übrigens gar nicht mehr von Karl May los. Am Staatsschauspiel Dresden probt er zurzeit das Stück „Der Phantast“ über die letzten zehn Lebensjahre des umstrittenen Schriftstellers. „Es macht Spaß, sich dem Autor und seinem wahnwitzigen Leben auf diese etwas komplexere Art noch einmal zu widmen“, versichert Stölzl, der sozusagen um die Ecke von Mays Villa „Shatterhand“, die in Radebeul liegt, arbeitet. Und irgendwie zeigt sich Stölzl von Mays Ideen beeindruckt. Vor allem von der Grundhaltung, Menschen aller Rassen, Religionen und Kulturen als gleichwertig zu betrachten. „Für das wilhelminische Deutschland ein radikaler Gedanke: Es war eine Zeit, in der die Deutschen auf andere Kulturen herabgeblickt haben.“

Karl Mays Ideal vom „Edelmenschen“

Kurz vor seinem Tod, erzählt Stölzl, habe Karl May in Wien den Vortrag „Empor ins Reich der Edelmenschen“ gehalten. „Das hört sich sehr völkisch an, aber es ging ihm darum, dass wir bessere Menschen werden müssen. Das steckt auch ganz stark in der Geschichte von Winnetou und Old Shatterhand, die aus ganz unterschiedlichen Wertesystemen und Religionen aufeinandertreffen, sich begegnen und die größten Freunde werden. Das ist die große May’sche Versöhnungsbotschaft.“ Götz Schubert spielt die Hauptrolle in dem Stück. Premiere ist am 13. Januar.

„Winnetou – Eine neue Welt“ So 25.12., RTL, 20.15 Uhr. Der zweite Teil „Winnetou – Das Geheimnis vom Silbersee“ läuft am 27.12., der dritte „Winnetou – Der letzte Kampf“am 29.12., jeweils 20.15 Uhr. Alle drei Filme gibt es bereits ab dem 23.12. auf DVD. Zu den Filmen erscheinen Bücher, die die Neuinterpretationen nacherzählen. Geschrieben haben sie drei Frauen: Tinka Edel, Ronja Eppstein, Anna Maybach (Kosmos Verlag, jeweils 9,99 Euro)