Ausstellung in Hamburg

Fotografische Schätze, die große Kunst sind

Der wandelbare Schauspieler Friedrich
Haase in einer seiner Rollen

Der wandelbare Schauspieler Friedrich Haase in einer seiner Rollen

Foto: MKG Hamburg

Das Museum für Kunst und Gewerbe gewährt mit seiner Schau „ReVision“ einen ersten Einblick in seine riesige Fotosammlung.

Hamburg.  Das männliche Pendant zu Cindy Shermans berühmter Selbstverwandlungsserie ist etwa 150 Jahre alt, bis dato völlig unbekannt und zeigt den Schauspieler Friedrich Haase. Am Thalia Theater schlüpfte er in den 1870er-Jahren in die unterschiedlichsten Rollen und ließ sich, bis ins Unkenntliche verwandelt, als Hamlet, musizierender Franzose oder Narziss ablichten.

Diese Albuminabzüge stammen aus der 75.000 Blätter umfassenden fotografischen Sammlung des Museums für Kunst und Gewerbe (MKG), die nun auf Initiative der Foto-Kuratorin Esther ­Ruelfs erstmals komplett gesichtet und in ein Buch gefasst wurden. Fünf wichtige Kapitel aus diesem Buch bilden nun eine neue und sehenswerte Ausstellung im MKG: „ReVision“.

Auch August Sander ist vertreten

Sie umfasst etwa 220 Fotografien – nach Gattungen gruppiert. Die erste bilden Porträts wie das des Schauspielers Haase. Auch August Sander ist hier vertreten, kontrastiert von Andrzej Steinbachs Serie einer Glatzköpfigen in Skinhead-Kleidung, deren Typisierung der Künstler durch Details aufbricht: zarte nackte Füße etwa oder die Abbildung einer Scheu, die in der Haltung zum Ausdruck kommt. Streng konzeptuell ist auch eine Fünf-Stunden-Porträt-Serie im engen Quadrat eines dunklen Aufzugs von Heinrich Riebesehl.

Weitere Räume sind der künstlerischen Fotografie gewidmet, die mit wunderschönen Arbeiten aufwartet. „Wir waren eines der ersten Häuser, in denen man verstanden hatte, dass Fotografie Kunst ist“, sagt Direktorin Sabine Schulze. Sogenannte „Piktorialisten“ wie Heinrich Kühn eiferten den Impressionisten nach, erfassten mit ihrer Kamera minimale Lichtlinien und -reflexe eines duftig gekräuselten weißen Kleides oder den milden Glanz auf einem Frauenmund. Theodor und Oskar Hofmeister indes fügten ein erstaunlich großes Geschwisterbild mit einer elegischen Landschaftsfotografie im selben Holzrahmen zusammen.

Formale Experimente

Der Weg vom Gegenständlichen zum Abstrakten ist geprägt von technischen und formalen Experimenten, in meisterlichen Aufnahmen von Otto Steinert, Herbert List, Willy Zielke und, dort besonders radikal, Kilian Breier. Im anderen Teil der Ausstellung folgt das eher spezielle Kapitel wissenschaftlicher Fotografie und dann, wie sollte es anders sein in einer Stadt wie Hamburg, ein Ausflug in die Reportage-Fotografie.

Es ist nicht nur ein Wiedersehen mit den Werken der großen Fotoreporter Werner Bischof, Thomas Hoepker, Max Scheler oder Will McBride, die allesamt vis-à-vis der gedruckten Magazinstrecken zu sehen sind. Man entdeckt auch Fotos von einem Massaker, die der Südafrikaner Peter Magubane in seiner Heimat aufgenommen hat. Und man wird auf eine Frau aufmerksam, die mutig gewesen sein muss: Hedda Walther fotografierte 1930 eine Raubtier-Dressur, Aug’ in Aug’ mit den Tigern.

„ReVision“ bis 17.4.2017 Museum für Kunst und Gewerbe (U Hbf), Steintorplatz, Di–So 10.00–18.00, Do bis 21.00, Eintritt 12,-/8,- Katalog (Steidl) 380 S., 48 Euro