Hamburg

Außerirdische in der Gaußstraße

Ersan Mondtags Uraufführung von Michel Decars „Schere Faust Papier“ gerät leider etwas langweilig

Hamburg. Laut Marx wiederholt sich Geschichte immer zweimal: „das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce“. Laut Michel Decar wiederholt sie sich 20-mal: als Tragi­komödie, als ZDF-Zweiteiler, als Telenovela und so weiter. Zumindest legt der Theaterautor Decar diese nicht unoriginelle Philosophie in seinem Stück „Schere Faust Papier“ einer „Dame nach der Vorstellung im Foyer“ in den Mund. Und auch wenn diese Passage es nicht in den Uraufführungstext am Thalia in der Gaußstraße geschafft hat – im Programmheft wird sie zitiert. Man kann also zu dem Schluss kommen, dass die Zeilen wichtig sind für Regiewunderkind Ersan Mondtag.

Der Dramatiker macht hier ein ganz großes Fass auf

„Schere Faust Papier“, das nun in der Gaußstraße Premiere feierte, ist ein Kinderspiel, das in der Struktur von Decars Text wieder auftaucht, aber man sollte sich nicht aufs Glatteis führen lassen: Im Titel klingt auch „Faust“ an, das deutsche Schicksalsdrama, die Welterklärung. Es ist ein ganz großes Fass, das Decar hier aufmacht, nichts weniger als die Menschheitsgeschichte, die mehrfach ironisch gebrochen als Geschichte des großen Schlachtens noch einmal neu erzählt wird.

Das Stück zeigt eine Gruppe Be­obachter, deren genaue Funktion in der Vorlage nicht letztgültig geklärt wird – bei Mondtag jedenfalls sind es recht eindeutig Außerirdische, die eine bläulich am Firmament schimmernde Erde ansingen (Bühne: Paula Wellmann). Nackte Fellwesen mit spitzen Schädeln und seltsam hervorgehobenen Extremitäten, die vollständig hinter Josa Marx’ Kostümierung zurücktreten und zudem in praktisch jedem Satz die Rolle wechseln. Was zur Folge hat, dass sich zwar ziemlich schnell ein Gefühl der Fremdheit einstellt, dass aber andererseits die Schauspieler Thomas Niehaus, Marie Löcker, Cathérine Seifert, Oda Thormeyer und Tilo Werner nicht den Hauch einer Chance haben, irgendwie Individualität darzustellen. Mangels echter Handlung – praktisch die gesamte Geschichte wird als Mauerschau erzählt, natürlich, es geht ja ums Beobachten – entwickelt man so eine gewisse Teilnahmslosigkeit, die der Inszenierung nicht nur guttut.

Freilich hat Mondtag seinen Hang zum hemmungslosen Verrätseln gezügelt, der hermetische Charakter seiner ersten Thalia-Arbeit „Schnee“ fehlt diesmal. Zumal Musiker Max Andrze­jeweski der Inszenierung einen betörend schönen Soundtrack komponiert hat, irgendwo zwischen vertracktem Jazz und interstellaren New-Age-Klängen, der über allzu statische Momente mit einer Ästhetik hinweghilft, die näher am Konzert ist als am Theater. Und wo die Musik nichts mehr rettet, da tut es die Flucht ins Uneigentliche: „Entschuldigung?“, fragt Werner an einer Stelle, „höre ich da einen Funken Ironie heraus?“ Die ist das Allheilmittel für Mondtag, der sich immer dann, wenn sein Theater ins wichtigtuerische Raunen zu kippen droht, mit einem ironischen Bruch schützt.

Die Historie rattert also vor sich hin, Schlacht von Troja, Kolonialismus, russische Revolution, ein einziger, langer Krieg, der überraschend hilft, das Grundproblem einer solchen Geschichte zu lösen: Wo es möglich ist, das Gegenüber „in die Steinzeit zurückzubomben“, da braucht es für eine Zeitreise keine ausgefeilte Technik mehr, da tut es rohe Gewalt. Decars Tendenz zum Läppischen wurde konsequent weggekürzt, praktisch der gesamte Anhang des Stücks (eine Liste chinesischer Millionenstädte etwa oder eine Auswahl französischer Rotweine) fehlt. Im Programm freilich sind diese Listen noch präsent – als Versuch, eine Welt zu katalogisieren, die sich gerade selbst auflöst. Ersan Mondtag aber schenkt seinen Figuren keinen Trost der Katalogisierung, die spitzköpfigen Außerirdischen schauen nur zu, wie alles den Bach runtergeht. Am Ende steht eine Vergewaltigung, so drastisch wie hässlich. Keine Chance.

„Schere Faust Papier“ wieder am 21.12.,
5.1., 21.1., 22.1., Thalia in der Gaußstraße, Karten zu 22,- unter T. 32 81 44 44