Thalia Theater in Hamburg

Ersan Mondtag ist der Regisseur der Stunde

Regisseur
Ersan Mondtag,
Jahrgang 1987,
hat auch mit
Frank Castorf und
Claus Peymann
gearbeitet

Regisseur Ersan Mondtag, Jahrgang 1987, hat auch mit Frank Castorf und Claus Peymann gearbeitet

Foto: Marcelo Hernandez / HA

Der 29-Jährige inszeniert „Schere Faust Papier“ im Thalia in der Gaußstraße. aufregender ist als vieles, was man heute sonst geboten bekommt.

Hamburg.  Ersan Mondtag lechzt nach Kaffee. Mit Koffein denkt und spricht der junge Regisseur noch ein kleines bisschen schneller als sonst. Man begreift, warum sich derzeit alle um den jungen Berliner, Sohn türkischer Gastarbeiter, der eigentlich Ersan Aygün heißt, reißen. Der 29-Jährige ist klug, eloquent, und er hat vor allem den Mut, ein Theater zu zeigen, das aufregender ist als vieles, was man heute sonst geboten bekommt.

Der junge Autor Michel Decar dachte beim Schreiben seines Stücks „Schere Faust Papier“ sofort an Mondtag und schlug ihm die Uraufführung vor, die an diesem Sonntag im Thalia in der Gaußstraße über die Bühne geht. Das Stück enthält so gut wie keine Vorgaben und ist damit wie geschaffen für einen fantasiebegabten Regisseur wie Mondtag, der jetzt unter seiner Schirmmütze durch zwei große runde Brillengläser blickt.

Wovon das Stück genau handelt, ist gar nicht so einfach zu sagen. Der Zuschauer erlebt Bewohner einer anderen Welt, Außerirdische, dabei, wie sie versuchen, den Menschen und seine Geschichte zu verstehen. Alle Epochen werden gestreift, von der Steinzeit bis hin zur Gegenwart und Zukunft. „Ich glaube, dass man als Zuschauer sehr berührt ist und grundsätzliche Fragen an seine Existenz stellt“, sagt Mondtag.

Musik und Rhythmus spielen große Rolle

Die Probenarbeit vergleicht er mit einer archäologischen Ausgrabung, die immer neue Schichten ans Licht befördere. Das Stück zeige, wie Fehlkommunikation aufgrund von lückenhaftem Wissen über die Vergangenheit entstehe. Für Mondtag ist es das Stück der Stunde, weil es Muster der Geschichte aufzeige und Rückschlüsse auf die Gegenwart erlaube. Das titelgebende Kinderspiel sei ein Verweis darauf, dass es im Leben immer Sieger und Verlierer gebe. Und der „kontrollierte Zufall“ sei dabei entscheidend für den Spielausgang.

In der Inszenierung spielen Musik und Rhythmus eine große Rolle. „Das ist fast eine Sprechoper mit einer durchgehenden Partitur, sehr rhythmisch mit Schlaginstrumenten und einem mehrstimmigen Chor. Wir zeigen eine fantastische Welt, in der es um Einheit und Harmonie geht. Es ist auch ein spirituelles Stück.“

Figuren in mehrere Stimmen aufgelöst.

Schon in seiner Inszenierung von Orhan Pamuks „Schnee“ hat Mondtag die Figuren in mehrere Stimmen aufgelöst. Er selbst nennt sie noch eine seiner konventionellsten Arbeiten. „Es ist ein Missverständnis, dass man erst etwas verstehen kann, wenn es eine Erzählung gibt. Inhalt entsteht nicht erst durch Sprache.“ Bei Mondtag entsteht Inhalt durch die häufig bildnerisch geprägte Form, durch eine Choreografie der Körper im Raum, durch Musik – aber eben auch entscheidend durch Text.

Für einen Aufschrei der Empörung sorgte ein angeblicher Ausspruch von Ersan Mondtag auf einer Podiumsdiskussion: Schauspieler hätten für ihn lediglich die Bedeutung von Requisiten. „Das habe ich nie gesagt. Ich habe versucht zu erklären, dass bei mir auf der Bühne alles wichtig ist. Ob Requisite oder Körper, aber damit setze ich nicht den Schauspieler, der ein Mensch ist, mit einer Requisite, einem Objekt, gleich. Ich liebe die Arbeit mit Schauspielern, und sie haben einen enormen Einfluss auf das Ergebnis.“

Die neue Inszenierung zählt er schon jetzt zu seinen Lieblingsarbeiten.

„Schere Faust Papier“ Uraufführung So 18.12., 19.00, weitere Termine 21.12., 5.1., 21.1.2017, jew. 20.00, Thalia in der Gaußstraße, Gaußstraße 190, Karten zu 22 Euro unter
T. 32 81 44 44; www.thalia-theater.de