Konzert in Hamburg

Atemberaubend: Koroliov in der Laeiszhalle

Der Pianist Evgeni Koroliov wurde 1949
in Moskau geboren

Der Pianist Evgeni Koroliov wurde 1949 in Moskau geboren

Foto: Gela Megrelidze

Der russische Starpianist spielte Kompositionen von Bach und Schubert. Koroliov wurde den Erwartungen gerecht.

Hamburg.  Was seine Bach-Interpretationen angeht, ist der Pianist Evgeni Koroliov längst über jedes Lob erhaben. Wer am Dienstag in die Laeiszhalle gekommen war, um den Meister die Chromatische Fantasie samt Fuge, die Englische Suite BWV 807 und Auszüge aus der Kunst der Fuge spielen zu hören, der war gekommen, um seine Seele zu erquicken und alte Gewissheiten aufzufrischen, nicht, um grundstürzende Überraschungen zu erleben. Spannender war da schon die Frage, was Koroliov aus Schuberts später A-Dur-Sonate D 959 machen würde.

Bei Bach könne man „das Gesetz heraushören, auf dem möglicherweise das Universum aufgebaut ist“, hat Koroliov einmal zu Protokoll gegeben. Bei einem Geringeren wäre dieser Satz wohl kitschig, doch Koroliovs Bach-Spiel bezeugt eindrucksvoll seinen Glauben. Zwar gibt es atemberaubend verwickelte Stimmführungen und chromatische Kühnheiten in Bachs Musik, die man bei Koroliov klarer hört als bei jedem anderen Interpreten, doch ist das alles aufgehoben in einer Haltung höherer Gewissheit und Gelassenheit. Koroliov mit Bach, das ist die Welt und die Musik aus dem Gesichtspunkt der Ewigkeit, betrachtet. Man fühlt, so – und nur so – muss es sein. In Ewigkeit. Amen.

Komponierter Ausnahmezustand

Ob der dem Tode nahe Franz Schubert die Welt wohl auch so sah? Koroliov jedenfalls spielte die in den letzten Lebensmonaten des Komponisten entstandene A-Dur-Sonate mit Grandezza. Die Lust am großen Ton, daran, den Flügel richtig klingen zu lassen, und das Faible fürs sonore Bassregister haben der Komponist und sein Interpret gemeinsam.

Doch gibt es bei Schubert auch einen Satz wie das Andantino mit den wohl tristesten und verzweiflungsvollsten Tönen des Klavierrepertoires. Der Ausbruch in der Mitte dieses Satzes ist der komponierte Ausnahmezustand. Koroliov aber, so erscheint es dem Rezensenten, kehrte just an dieser Stelle vor allem den Virtuosen heraus. Eindrucksvoll war das allemal, aber nicht unbedingt abgründig. Vielleicht weil es solch schwarze Verzweiflung in seinem Weltbild gar nicht gibt? Einer wie Evgeni Koroliov lebt musikalisch definitiv in der besten aller möglichen Welten.