Zum 1000. Tatort

Wir sehen uns beim „Tatort“ – jeden Sonntag

Nur Fußball-Länderspiele erreichen höhere Einschaltquoten. Was Millionen Zuschauer regelmäßig vor den Fernseher zieht.

Hamburg. Die Medienkanäle feuern aus allen Rohren, und die meisten von uns feuern mit. Es lebe Facebook, es lebe Netflix, es lebe ­iTunes, es lebe die Mediathek, es lebe YouTube, es lebe all das, was uns von der Tyrannei des Fernsehprogramms erlöst hat.

Was wir heute sehen, welche Unterhaltungssendungen wir uns wann anschauen und wie wir grundsätzlich unsere Freizeit verbringen, hat sich mit der Allgegenwart des Internets radikal geändert. Wir machen selbst unser Programm und kuratieren die Entertainment-Abteilung des Alltags mithilfe der Technik. Von TV-Sendern muss sich niemand mehr etwas diktieren lassen.

Den Lagerfeuer-Trieb gibt es immer noch

Was den individualistischen Tendenzen in uns entgegenkommt. Aber es gibt diese nicht allein, es gibt auch noch den Trieb zum Lagerfeuer, den Wunsch nach dem gemeinsamen TV-Erlebnis jenseits der DVD-Boxen, Serienexzesse am Wochenende, Dauerstreams auf dem Laptop. Womit wir beim „Tatort“ wären, dem neben Fußball-Länderspielen letzten verbliebenen Massenereignis – wobei man nur bei Letzteren noch vom „Straßenfeger“ sprechen möchte.

Und dennoch zieht auch das große Renommierprodukt der ARD-Sender noch als feste TV-Verabredung. Was bemerkenswert ist angesichts der riesigen Konkurrenz, siehe oben. Je größer das Angebot, umso mehr wird der „Tatort“ nicht zur lästigen Pflichtveranstaltung, sondern zum bewusst gewählten Sofa-Date. Sonntags werden die Mörder gefangen, ab 20.15 Uhr nach der „Tagesschau“ wird 90 Minuten um Gut und Böse gerungen. Ausgang ungewiss. Denn die Bösewichte mögen zwar am Ende in Handschellen abgeführt werden, ihre Hintermänner aber, sie kämpfen weiter im Verborgenen.

Keine Wegwerfsendung, sondern Metafernsehen

Für den „Tatort“-Magnetismus gibt es mehrere Gründe. Beginnen wir mit der Anthropologie, denn die Menschenkunde hilft meistens. Das Eingrooven auf die oft sehr reglementierte Arbeitswelt, in der Pünktlichkeit verlangt wird, beginnt sonntagabends. Der 20.15-Uhr-Zwang ist die perfekte Vorbereitung für die erste Montagsbesprechung um neun Uhr früh. Mediatheken-ich-guck-wann-ich-will-Laissez-faire? Nicht beim „Tatort“. Was den angeht, liefern wir uns gerne an die Programmplanung der Bereitsteller aus. Und an die Tradition, ­jene alte, verknautschte Schachtel, die man – vielleicht leider, vielleicht Gott sei Dank – nie ganz in den Altpapiercontainer wirft. Der „Tatort“ ist eben keine schnöde Wegwerfsendung, sondern Metafernsehen. Von ihm hängt, so kitschig das klingen mag, das Wohlbefinden der Deutschen ab (zumindest das von mehr als zehn Millionen). „Tatort“ am Sonntag – das ist auch die Gewissheit, die Woche im Griff zu haben. Die Diskussionen um neue, schwächelnde oder abdankende Kommissare zeigen: Der Status des „Tatort“-Ermittlers gleicht eher dem eines Familienmitglieds als eines austauschbaren Seriengesichts. Kommissare müssen Zuschauerherzen gewinnen. Andernfalls sterben sie den frühen Drehbuchtod oder – noch grausamer – werden wortlos durch populärere Schnüffler ersetzt.

Damit man am Montag mitreden kann

Das Ermittler-Pro-und-Contra ist denn auch der schnellste gemeinsame Nenner, um am Montag mitreden zu können. Und zu reden gibt es nach „Tatorten“ immer etwas, weil die Krimiserie gleich mehrere auch inhaltlichen Funktionen erfüllt. Die Unterhaltungskomponente wird verlässlich vom Zeitgeist gepimpt. Heißt: Der „Tatort“ erzählt uns etwas über die Gegenwart. Da will man doch dabei sein. Wer alle „Tatort“-Folgen schaue, der brauche kein Geschichtsbuch, heißt es so schön. Ein Satz, der es fertigbringt, gleichzeitig komplett falsch und vollkommen richtig zu sein. Denn natürlich kopieren nur sehr schlechte „Tatorte“ die Realität eins zu eins. Fernsehen, das Wirklichkeit spielt, kann von vornherein ein­packen. Auf der anderen Seite gibt es im Sonntagskrimi (fast) nichts, das es nicht gibt: Mafia und Terror, Suizid und Sekte, Callboy und Bundeswehr. „Schaut auf dieses Land“, flüstert der „Tatort“ seinen Zuschauern ins Ohr – und nicht selten hat es sich gelohnt, auch auf die leisen Tönen hinter dem Kriminalfall zu hören.

Andererseits darf auch gesagt werden, dass die Drehbücher gerade in Bezug auf die Krimi-Handlung bisweilen Murks sind. Und so legitimiert sich der „Tatort“ häufig durch seine Aktivierung der Lästerlust des Millionenpublikums. Wer noch nie bei einem „Tatort“ festgestellt hat, dass er „für so einen Mist also seine Rundfunkgebühren“ zahlt, der hat das volle emotionale Potenzial des „Tatorts“ noch nicht ausgeschöpft.

Bei Krimis gehören wir zu den Spitzenreitern

Was das Lästern, Loben, Witzeln, was Verständnisprobleme und die „Tatort“-Analyse angeht, die Gemeinschaft im TV-Erlebnis also, ist mit der digitalen Parallelwelt eine zweite und unmittelbarere Ebene hinzugekommen. Der „Second Screen“, der zweite Bildschirm zusätzlich zur Glotze, ermöglicht den sprachgewandten Kurzrhetorikern (und allen anderen auch) Instant-Statements jeder Art: Das Twitter-Gewitter zum „Tatort“ ist nicht selten unterhaltsamer als der Film selbst. Für schlimme, mit sächselndem Akzent übergossene Szenen in der Pathologie gibt’s verlässlich Prügel. Ebenso für die gut gemeinten Fälle der „Themen-Tatorte“, in denen das Drehbuch der Realität hinterherhechelt und dabei keine allzu glückliche Figur macht. Und wer, wie Hamburgs Supercop Til Schweiger, dem deutschen Krimifernsehen zeigen will, wo die ­Action-Latte hängt, muss sich Panzerfaust-Witze gefallen lassen.

Wobei an dieser Stelle endlich auch davon die Rede sein muss, dass die Sonntags-Kriminalfilme aus dem Ersten oft weitaus besser als ihr Ruf sind – was nicht der unwichtigste Aspekt ist, wenn man die lange Lebensdauer des „Tatorts“ erklären will. Im 90-Minuten-Format gelingt es doch häufiger als man glauben könnte, die Gesellschaft und ihre komplexen Malaisen zu durchdringen. Und sollte es darum gar nicht gehen, dann kann es durchaus vorkommen, dass sich der hundertste Mord an der Geliebten wie der erste anfühlt, weil der Täter so abgründig ist wie kaum je einer. Beim „Tatort“ trauen sich deutsche Regisseure, Redakteure und Autoren vor allem in letzter Zeit, groß zu denken. Was aufs Spiel zu setzen. Fernsehneuland zu betreten. Wobei der Spaß schnell aufhört, etwa wenn jemand den „Tatort“-Vorspann abschaffen will.

Klotzen statt kleckern ist beim "Tatort" die Devise

Die sonst aus dem fiktionalen Programm nicht wegzudenkende Grundregel „Das versteht der Zuschauer nicht!“ scheint jedenfalls außer Kraft gesetzt zu sein. Selbstbewusstsein statt Selbstbeschneidung. Und weil selbst ein halb missratenes Experiment noch mit knackigem Zuschauerbonus belohnt wird, schmerzen die Ausrutscher nach unten hier weniger als anderswo. Wo sich das deutsche Fernsehen mit dem Lustigsein so schwer tut, gehört es, Gebührenschimpf hin, US-Vorbilder her, im Krimifeld zu den Spitzenreitern. Mut, Millionenpublikum sowie einem nicht zu knappen Budget sei Dank. Klotzen statt kleckern, dazu neigt das Durchschnittsfernsehen ja sonst eher nicht.

Verhältnismäßig jung und durchaus zu begrüßen ist etwa die Drehbuch-Idee, den Kommissaren dieselben psychischen Auffälligkeiten wie den Bösewichten anzudichten oder zumindest: jenen Kommissaren Deformationen mit auf den Weg zu geben, die das Ermitteln erschweren. Seit Schimanski dürfen die aktuellen Ermittler saufen, fluchen, die Reviereinrichtung zertrümmern.

Die Bösen kommen nicht davon

Der „Tatort“, mit all seinen guten und schlechten Umsetzungen all dessen, was im realen Leben nicht passieren sollte – Mord! Totschlag! – und nur am TV-Gerät halbwegs aushaltbar ist, dieser mächtige Unterhaltungsdampfer „Tatort“ sorgt jeden Sonntag für die Ordnung der Dinge, weil die Bösen ja nie davonkommen. Er ist wie jedes Ritual ein Anker im Fluss der Zeit. Und so ist die Anhänglichkeit eines Millionenpublikums ein Zeichen für das Bedürfnis, das zu sehen, was andere sehen – die Freiheit eingeschlossen, bei Nichtgefallen auch mal wegzuschalten.