Hamburg

Computerspiele ziehen ins Museum ein

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Irene Jung

Die Ausstellung „Game Masters“ zeigt, wie sich das Genre entwickelt hat. Und sie lädt zum Mitmachen ein

Hamburg.  Wer sagt denn, dass man bei Computerspielen immer sitzen muss? Vor einem großen Bildschirm kämpft eine junge Frau wie im Kung-Fu-Studio, wirft und säbelt mit den Armen und zerlegt damit rasende virtuelle Melonen, Bananen und Granatäpfel der Software. Das „Fruit Ninja Kinect“ mit Sensortechnologie für Xbox-Konsolen erfordert Ganzkörpereinsatz, wie bei Wii. Mal selber ausprobieren? Können Sie: in der Ausstellung „Game Masters“ im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe.

Die Schau gibt den in Hamburg bisher umfangreichsten Einblick in die mittlerweile 40 Jahre andauernde Entwicklung der Video- und Computerspiele, sagte Kurator Dennis Conrad zur Eröffnung. Auf den ersten Blick sei das Genre für ein Museum vielleicht gewöhnungsbedürftig: Computerspiele gehören zu den jüngsten Kindern der Mediengeschichte und werden erst seit wenigen Jahren überhaupt als eigene Game-Kultur akzeptiert. Das Museum wolle keine Ballerspiele zeigen, sondern eine Entdeckungsreise in den technischen Fortschritt bieten.

Die Ausstellung stellt die Arbeiten von mehr als 30 internationalen Spiele-Designern und Kreativteams vor, die die Entwicklung mit Genres, Figuren, Spielprinzipien und virtuellen Welten maßgeblich beeinflussen. Und sie gibt auch der lebendigen Hamburger Game-Kultur ein Forum. Begleitet wird die Ausstellung von Workshops, Play-Shows und Diskussionsveranstaltungen.

Vor allem aber lockt sie mit mehr als 100 Unterhaltungsgeräten, an denen die Besucher alle möglichen Spielegenres testen können.

Im Bereich „Arcade Heroes“ etwa stehen die Stammväter, nostalgische Trumms, die in den 70er- und 80er-Jahren im Halbdunkel von Spielhallen die Flipperautomaten ablösten; manch einer wird sich an „Missile Command“ erinnern, bei dem man – noch ganz Kalter Krieg – die Heimatstadt gegen Atombomben schützte, oder an „Donkey Kong“, den Vater aller Jump-’n’-Run-Spiele. Der zweite Bereich „Game Changer“ führt mitten in die Ideenwelt der Spiele-Entwickler und -Designer, zeigt Storyboards und Figurenmodelle; in Video-Interviews erzählen legendäre Entwickler von ihrer Arbeit etwa an „Super Mario“, „The Legend of Zelda“ oder „Sim City“.

Im dritten Bereich „Indies“ geht es um Entwickler, die ihre Spiele unabhängig von großen Studios entwickeln und mit technischer Kreativität und eigenen Genres Millionen erreichen. Dazu gehören etwa Markus Persson (Schweden) mit „Mindcraft“ oder Rovio (Finnland) mit „Angry Birds“. Aber auch thatgamecompany aus Kalifornien, die Spieler in „flOw“ oder „Journey“ durch kontemplativ-anspruchsvolle Tiefsee- oder Wüstenwelten gleiten lassen.

Ein Indie ist auch die Hamburger Firma „Daedalic Entertainment“, gegründet 2007. „Wir entwickeln nicht nur, sondern publizieren Spiele auch“, sagt Geschäftsführer Jan Müller-Michaelis (in Gamerkreisen „Poki“). Daedalic publiziert unter anderem das Rätselspiel „Machinarium“ des tschechischen Entwicklers Jakub Dvorsky, bei dem ein kleiner Roboter auf einem Schrottplatz gelandet ist und nur mit Spieler-Hilfe den Ausgang findet. „Wall-E“ lässt grüßen, aber anders als beim SciFi-Film ist Dvorskys zauberhafte surreale Maschinenwelt handgezeichnet.

Die ästhetische Vielfalt der Ausstellung wird auch Nichtspieler in ihren Bann ziehen, und die Zeitreise von den Anfängen bis heute ist auch für Großeltern sehenswert. Ballerspiele wie Ego-Shooter wurden übrigens ausgespart: Man wolle den Fokus nicht auf gewaltverherrlichende Spiele legen, sagt Kurator Conrad.

In einem eigenen Saal präsentiert sich die Hamburger Game-Szene. An einer Porträtwand erzählen Spieleentwickler, Kultur- und Medienwissenschaftler von ihren Projekten. Ein Beispiel: der Hamburger Sender „Rocket Beans TV“ auf YouTube, der eine riesige Fangemeinde erobert hat. Oder die ComputerSpielSchule Hamburg, die seit einem Jahr ein medienpädagogisches Angebot für kreativen, kompetenten Umgang mit Spielemedien macht.

„Gaming heißt eben nicht, nur vor dem Rechner zu sitzen, sondern auch, eigene Geschichten zu erzählen, eigene Bilder und Gefühle zu entwickeln“, sagt Andreas Hedrich von der Hamburger Initiative Creative Gaming, die diesen Bereich der Ausstellung gestaltete. Sie hat parallel zur Ausstellung das Creative Gaming Festival „Play 16“ organisiert, das am 6. November endete.

Wer will, kann aber auch einfach das Museum rocken: Mittels Sensor-Technologie tanzen Sie beim Rhythmusspiel „Dance Central“ interaktiv bekannte Choreografien. Zum Beispiel „YMCA“ von Village People.

Game Masters, bis 23.4.2017, Museum für Kunst und Gewerbe, Steintorplatz (U/S/Bus Hauptbahnhof), Di–So 10–18, Do 10–21 Uhr, Eintritt 12,-/erm. 8,- Euro, unter 18 Jahren frei, mkg-hamburg.de