TV-Kolumne So gesehen

Morgens bei Sat.1: Die wirklich wahre Wahrheit

Alexander Josefowicz, Abendblatt-Redakteur

Alexander Josefowicz, Abendblatt-Redakteur

Foto: Roland Magunia

Die bislang sträflich unterschätzten investigativen Fähigkeiten von Sat.1 verblüffen mehr als nur ein wenig.

Die überraschende Erkenntnis der Woche ist für mich, dass ich das Investigativpotenzial und den aufklärerischen Furor des „Sat.1 Frühstücksfernsehens“ bislang sträflich unterschätzt habe. Wer hätte auch gedacht, dass sich hinter der kunterbunten Studiodeko, den Rezepten und Horoskopen, den Promi-News und anderen Ablenkungsmanövern klammheimlich die Speerspitze der Aufklärung formiert hat? Am Mittwochmorgen schlägt sie, die Stunde der Wahrheit, die Stunde der intellektuellen Erweckung, die Stunde des Manuel Heine.

Bei Domian, dem Nachttalker des WDR, musste sich der gelernte Koch mit dem schneidigen Seitenscheitel noch impertinente Fragen („Spinnst du? Willst du mich verarschen?“) gefallen lassen, bei Sat.1 darf er nun endlich in aller Ausführlichkeit ausbreiten, was eigentlich vor sich geht. Er erzählt davon, wie er 2001 gemerkt habe, „dass da was nicht stimmt“, wie er begann, sich abseits der ausgetretenen Pfade der Mainstream- und Systemmedien zu informieren und wie die Gewissheit in ihm wuchs, es besser zu wissen, hinter den Vorhang schauen zu können.

16 Jahre später ist es so weit: Heute „wissen wir ja alle“, dass das World Trade Center in Wirklichkeit von den Amerikanern gesprengt wurde; ein „Inside Job“, sagt Heine und lächelt dabei. Doch nicht etwa einer der US-Regierung, weit gefehlt. Die hat nämlich gar keine Macht. Die Welt und ihre Geschicke, sie sind fest in den Händen der Bilderberger und der Rothschilds.

Apropos die Welt: Die ist übrigens eine Scheibe. Und dass wir nicht vom Rand fallen, das liegt höchstwahrscheinlich an einem „Eisring“, das habe im
Übrigen auch schon mal ein amerikanischer General so gesagt.

Und weil wir ja im 21. Jahrhundert sind, bittet die Moderatorin um Wortmeldung aus dem Publikum: „Was glauben Sie? Diskutieren Sie gerne mit, auf unserer Facebook-Seite!“ Und da war er dann, der einzige Fehler, den Sat.1, dieser Leuchtturm der Aufklärung, begangen hat: Sie haben sich auf ein amerikanisches Unternehmen verlassen, um die Wahrheit in die Welt zu tragen. Das konnte ja nicht gut gehen.

Ruckzuck wurden die Bilderschilds und die Rothberger (und wahrscheinlich auch noch die Illuminaten und die Reptiloiden) aktiv und haben jede Spur des Enthüllungsgesprächs getilgt. Auf Facebook: nichts. In der Mediathek des Senders: nichts. Auf YouTube: nichts (außer abgefilmten Wackelvideos, die eiligst wieder entfernt werden). Das muss einfach eine Verschwörung sein.

Liebe Redaktion des „Sat.1 Frühstücksfernsehens“, Chapeau: Einen antisemitischen Aluhut minutenlang reden zu lassen, und danach so zu tun, als ob das nie passiert sei, dazu gehört Chuzpe. Oder, um es mit Domian zu sagen: Spinnt ihr? Wollt ihr mich verarschen?